Mein Mobile klingelt. Ein guter Kollege.
«Hoi, wo bist du gerade?»
«Ich bin gerade in St. Theresia Zürich Friesenberg.»
«Sorry, hab nichts verstanden.»
«Also, ich buchstabiere: ‘S’ wie Singdrossel, ‘a’ wie Amsel, ‘n’ wie Nebelkrähe, ‘k’ wie Kernbeisser, ‘t’ wie Trauerschnäpper, …»
«Sankt, das habe ich jetzt verstanden, du bist also bei einer Kirche. Aber: warum brauchst du Vogelnamen, um mir Buchstaben vorzusprechen?»
«Das erkläre ich dir gerne, wenn du weisst, wo ich gerade bin.»
«Also, dann mach weiter.»
«’T’ wie Türkentaube, ‘h’ wie Hausrotschwanz, ‘e’ wie Erlenzeisig, ‘r’ wie Rotmilan, ‘e’ wie Eichelhäher, ‘s’ wie Schwarzmilan, ‘i’ wie i, ‘a’ wie Alpensegler. Und jetzt ein Leerschlag.»
«’Theresia’, das habe ich jetzt verstanden. Wo steht denn diese Kirche?»
«Ich mache gerade weiter! ‘Z’ wie Zilpzalp, ‘u’ wie u, ‘e’ wie Elster, ‘r’ wie Rotkehlchen, ‘i’ wie i, ‘c’ wie c, ‘h’ wie Haussperling.»
«Das tönt wie Zürich!»
«Genau. Und jetzt noch das Quartier! ‘F’ wie f, ‘r’ wie Rabenkrähe, ‘i’ wie i, ‘e’ wie Erlenzeisig, ‘s’ wie Schwanzmeise, ‘e’ wie Elster, ‘n’ wie Nebelkrähe, ‘b’ wie Blaumeise, ‘e’ wie Eichelhäher, ‘r’ wie Ringeltaube, ‘g’ wie Grünspecht.»
«Aha, Friesenberg, da bin ich mal durchgelaufen nach einem Abstieg vom Uetliberg. Und die Kirche, eine eher neuere Kirche, habe ich dabei auch gesehen, nahe der Bushaltestelle. Und jetzt sag, warum du mit Vogelnamen spielst – ich weiss nämlich, dass du keinen Vogel hast.»
«Danke. Ich habe keinen Vogel, ich weiss.
Seit einigen Wochen probiere ich eine App aus, die nach Vögeln lauscht und die vermuteten Namen zusammen mit einem Bildchen auf dem Bildschirm anzeigt. Diese App meint, 38 Vogelarten gehört zu haben; bei einigen, etwa dem Wiedehopf, meldet die App Vorbehalte an, ob das, was sie gelauscht hat, überhaupt stimmt.
Beim Buchstabieren habe ich dir schon 21 Vogelnamen genannt, da kommen noch 17 dazu: Bachstelze, Baumpieper, Bluthänfling, Buchfink, Gartenbaumläufer, Gebirgsstelze, Goldammer, Grünfink, Kohlmeise Mehlschwalbe, Mittelmeermöwe, Mönchsgrasmücke, Saatkrähe, Schwarzkehlchen, Stieglitz, Wiedehopf und Zaunkönig. Zu den 11 Buchstaben C, D, F, I, J, O, P, Q, U, V und Y gibt es im Friesenberg bis jetzt keine Vögel, die die App gehört haben könnte.
Dies waren alles Vögel, die die App im April belauschen konnte. Ich bin gespannt, wie viele Vogelnamen in den nächsten Monaten noch dazu kommen!»
«Danke für deine Erklärung. Tönt spannend. Und der Friesenberg ist offenbar auch für Vögel ein lebenswertes Quartier!»
«Ja, wirklich. Und das wird auch von den Menschen, die hier wohnen, so wahrgenommen. Im Anschlagkasten bei der Kirche lese ich nämlich gerade den Spruch ‘Unsere Pfarrei ist wie ein Garten’.»
«Das ist ja sehr unterhaltsam, aber effizient ist es nicht gerade, so lange und viele Namen von Vögeln zu verwenden, um buchstabieren zu können.»
«Ich gebe es zu, mir sind die üblichen ‘Eselsbrücken’ beim Buchstabieren etwas zu langsam. Du hast recht, stattdessen ‘Vogelflügel’ zu verwenden, braucht zu viel Zeit und sehr viel Konzentration.
Ich werde die App weiter brauchen, und selber noch genauer horchen, was an Vogelstimmen zu hören ist. Und ich freue mich über jeden Vogel, kleiner oder grösser, den ich auf meinen Wegen sehen werde!»
«Du hast mich dazu motiviert, auch mal so eine Vogel-horch-App auszuprobieren. Ich werde dir gerne von meinen ’Vogelflügeln’ berichten! Und jetzt komme ich dazu, warum ich mit dir telefonieren möchte! … »
Geschrieben für «Geschichten vom Zusammenleben von Menschen und Tieren aus unserem Quartier» (von Quartiernetz Friesenberg, der reformierten und der katholischen Kirche im Friesenberg).
Die Schweizer Autorin Monica Cantieni hat die gesammelten Geschichten am Sonntag, 31. Mai 2026 im Foyer (Pfarreizentrum St. Theresia) vorgelesen.