{"id":88,"date":"2011-05-20T15:14:27","date_gmt":"2011-05-20T13:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=88"},"modified":"2011-05-20T15:14:27","modified_gmt":"2011-05-20T13:14:27","slug":"zurichsee-fur-blauwale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2011\/05\/20\/zurichsee-fur-blauwale\/","title":{"rendered":"Z\u00fcrichsee f\u00fcr Blauwale"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>In der Gratiszeitung am Abend stand es zuerst: der Zoo Z\u00fcrich plane, im Z\u00fcrichsee zwei Blauwale anzusiedeln. Die meisten Leute, die diese Kurzmeldung lasen, schauten zuerst auf das Datum. Nein, es war nicht der erste April.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen standen auch im Tages-Anzeiger und in der NZZ kurze Notizen, mit dem Hinweis, dass der Zoo morgen im Detail informieren werde. Die staunenden Leserinnen und Leser erfuhren in den Artikel auch etwas mehr \u00fcber Blauwale, allerdings nicht viel mehr als das, was auch in den Lexiken steht: \u00fcber dreissig Meter lang, zweihundert Tonnen schwer &#8211; das gr\u00f6sste Tier, das je auf dem Planeten Erde gelebt hat. Das riesige S\u00e4ugetier kommt in allen Meeren vor, es bewegt sich zwischen den eher w\u00e4rmeren Meeren, wo die Jungen zur Welt kommen und den k\u00fchleren polaren Gew\u00e4ssern, wo sich Blauwale vor allen von Plankton, bevorzugt von Kleinstkrebsen, ern\u00e4hren &#8211; das braucht einen grossen Lebensraum.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4teren Abend fand im Z\u00fcrcher Rathaus eine Sitzung des Gemeinderates statt &#8211; und fast alle Fraktionen meldeten sich zu den Blauwalen im Z\u00fcrichsee, die einen schon fast euphorisch, die andern aus Prinzip dagegen.<\/p>\n<p>Alle Sitzpl\u00e4tze im Zoo-Vortragsaal waren besetzt, als der Zoodirektor die Medienkonferenz am n\u00e4chsten Morgen um 10 Uhr er\u00f6ffnete &#8211; trotz des grossen Echos waren allerdings nur Vertreterinnen und Vertreter von Medien aus der Schweiz angereist. Man erfuhr auch bald warum: alle Zoos von St\u00e4dten an grossen Seen beteiligten sich an einem Erhaltungsprogramm f\u00fcr Blauwale &#8211; immer noch war noch nicht sicher, dass die zwischen zehn- und zwanzigtausend im Meer lebenden Tiere f\u00fcr den dauerhaften Erhalt der Art ausreichten. <\/p>\n<p>Der Direktor kam gerade zu Beginn auf das eigentlich einzige Problem zu sprechen bei diesem Versuch: der Z\u00fcrichsee eignet sich n\u00e4mlich gar nicht f\u00fcr Blauwale! Er ist zu klein, hat nicht die richtige Temperatur je nach Jahreszeit. Und vor allem  handelt es sich beim Z\u00fcrichsee um einen S\u00fcsswassersee &#8211; und der von Walen bevorzugte antarktische Krill, diese Kleinstkrebse, kommt im Z\u00fcrichsee nicht mal in Spuren vor, und \u00fcberhaupt nicht in den Mengen, die zwei Blauwale ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>Der Zoo Z\u00fcrich hat zusammen mit anderen Zoos bereits abgekl\u00e4rt, was getan werden muss, um den Z\u00fcrichsee in ein Gew\u00e4sser f\u00fcr Blauwale zu verwandeln. Vorerst machte der Direktor klar, dass dies allerdings nur funktioniert, wenn alle, aber wirklich alle Menschen in der Grossregion um den Z\u00fcrichsee mitmachen. Professorin Lochte vom Potsdamer Alfred-Wegener-Instituts f\u00fcr Polar- und Meeresforschung informierte, was die Z\u00fcrcherinnen und Z\u00fcrcher tun m\u00fcssten, um die Blauwale willkommen heissen zu k\u00f6nnen. Um ideale Wachstumsbedingungen f\u00fcr die Krillkrebse zu erm\u00f6glichen, m\u00fcssen w\u00e4hrend mehreren Monaten im Jahr grosse Mengen von Eisw\u00fcrfeln in den Z\u00fcrichsee gesch\u00fcttet werden. Es werden 200&#8217;000 Haushalte gesucht, die mindestens w\u00e4hrend eines Monats pro Jahr t\u00e4glich f\u00fcnf Liter Eisw\u00fcrfel in ihrem K\u00fchlschrank produzieren und dies an die Sammelstellen an den Schifffahrtsstationen bringen. Ebenso viele Haushalte braucht es, um in anderen Jahreszeiten heisses Wasser bereitzustellen, welches erforderlich ist, um gewisse Bereiche des Z\u00fcrichsees so aufzuw\u00e4rmen, dass ideale Aufzuchtbedingungen f\u00fcr die sich hoffentlich bald einstellenden Blauwal-Babys ergeben. Das warme Wasser ist jeweils bis morgen um 9 Uhr in einer grossen Thermoskanne bei den speziellen Transportschiffen abzugeben. Eine halbe Million Haushalte sollten sich daf\u00fcr verpflichten, ebenfalls w\u00e4hrend mindestens einem Monat pro Jahr in ihren Badewannen Krill-Krebse zu z\u00fcchten. Etwa 30&#8217;000 Haushalte braucht es f\u00fcr regelm\u00e4ssige Salzlieferungen; gleichzeitig berichtete der zust\u00e4ndige Stadtrat, dass beim Landesmuseum mit direktem Anschluss an die S5 im Hauptbahnhof eine Einrichtung eingebaut werde, die es erm\u00f6gliche, das Salz aus dem Z\u00fcrichseewasser zur\u00fcckzugewinnen und nach Rapperswil zu transportieren. Weil sowohl die Eisbereitung, das Wasserkochen, die Krill-Zucht und die Z\u00fcrichseesalzerei einiges an Energie brauche, werde auf dem Sihlsee eine schwimmende Solarzellenanlage eingerichtet, die den Mehrstromverbrauch abdecken werde.  <\/p>\n<p>Der Zoo-Direktor wies darauf hin, dass es zumindest in der Eingew\u00f6hnungsphase und dann jeweils in den beiden ersten Lebensmonaten der Babywale n\u00f6tig sei, s\u00e4mtlichen Schiffsverkehr auf dem Z\u00fcrichsee einzustellen, auch die F\u00e4hre zwischen Horgen und Meilen. Allenfalls werde sich nach einiger Zeit zeigen, dass man darauf auch verzichten k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Die Journalisten und Journalistinnen zeigten sich sehr begeistert von der Umgestaltung des Z\u00fcrichsees als Lebensraum f\u00fcr das gr\u00f6sste Lebewesen der Erde. Die einzige Frage: gibt es gen\u00fcgend Haushalte, die sich f\u00fcr die intensive Begleitung der Lebensraumgestaltung melden? Frau Professorin Lochte meinte, dies sei genau die Aufgabe der Medien, und gab verschiedene Internet-Adressen an, bei der sich Interessierte melden konnte. <\/p>\n<p>Rund um den Z\u00fcrichsee gab es w\u00e4hrend Wochen nur noch ein Thema: sind die Z\u00fcrcherinnen und Z\u00fcrcher in der Lage, f\u00fcr zwei Wale zu sorgen. Die Parlamente und Gemeindeversammlungen in den St\u00e4dten und Gemeinden um den See liefen heiss vor lauter Vorst\u00f6ssen zu diesem Thema, sowohl ablehnend wie bef\u00fcrwortend. In den Medien wurde jeden Morgen \u00fcber den Zwischenstand der Anzahl Haushalte informiert, die sich bereits f\u00fcr das Projekt &#171;Z\u00fcrichsee f\u00fcr Blauwale&#187; verpflichtet hatte &#8211; und es schien, als sei es m\u00f6glich, die erforderliche Zahl von Haushalten zu erreichen.<\/p>\n<p>Vier Wochen sp\u00e4ter lud der Zoo Z\u00fcrich, wiederum gleichzeitig mit den anderen St\u00e4dten, zu einer Medienkonferenz, wieder mit grosser Beteiligung. Der Zoo-Direktor bedankte sich vorerst f\u00fcr das riesige Interesse von Medien und \u00d6ffentlichkeit &#8211; er war begeistert, welches Echo derart herausfordernde Projekte ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wurde es hell im Saal, die Zahlen der teilnehmenden Haushalte verblassten auf den Projektionsbildschirmen.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren. Ich muss Sie entt\u00e4uschen: es wird NIE Blauwale im Z\u00fcrichsee geben. Wir Menschen sind nicht in der Lage, f\u00fcr das gr\u00f6sste Lebewesen des Planeten Erde neue, k\u00fcnstliche Lebensr\u00e4ume zu schaffen &#8211; Wale brauchen die Weite der Weltmeere! Auf die Idee f\u00fcr diese Aktion hat uns eine Meldung in einer Zeitung gebracht: ein Wissenschaftler hat ausgerechnet, ob es m\u00f6glich ist, Menschen die Reise in ein anderes Sonnensystem zu erm\u00f6glichen &#8211; zum Beispiel, weil der Planet Erde unbewohnbar gemacht w\u00fcrde durch die Aktivit\u00e4ten der Menschen. 200 Jahre lang m\u00fcssten die Erdenbewohner alle verf\u00fcgbare Energie zusammensammeln, um nur 500 Menschen die <a href=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/content\/die-erde-muss-noch-lange-reichen\" target=\"_blank\">ungewisse Reise zu einem anderen Sonnensystem<\/a>, welche mehrere hundert Jahre dauern w\u00fcrde, zu erm\u00f6glichen! <\/p>\n<p>Das heisst: weil wir weder k\u00fcnstliche Lebensr\u00e4ume f\u00fcr Blauwale schaffen noch andere Planeten f\u00fcr die gesamte Menschheit verf\u00fcgbar machen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir Sorge tragen zum einzigen Planeten, den wir haben! Statt den Z\u00fcrichsee f\u00fcr Blauwale umzugestalten, m\u00fcssen auch die Menschen um den Z\u00fcrichsee aktiv werden, um das Leben von Mensch und Tier auf dem Planeten Erde zu erm\u00f6glichen. Wir hoffen, dass die Haushalte, die sich f\u00fcr das Projekt &#171;Z\u00fcrichsee f\u00fcr Blauwale&#187; engagiert haben, auch weiterhin Beitr\u00e4ge f\u00fcr den Lebensraum Erde leisten.      <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[12,13],"class_list":["post-88","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","tag-blauwale","tag-zurichsee"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}