{"id":7,"date":"2009-06-14T17:27:59","date_gmt":"2009-06-14T16:27:59","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=4"},"modified":"2009-06-14T17:27:59","modified_gmt":"2009-06-14T16:27:59","slug":"der-geschichtenwecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2009\/06\/14\/der-geschichtenwecker\/","title":{"rendered":"Der Geschichtenwecker"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich habe einen guten Kollegen, der sich als &#171;Erfindet&#187; bezeichnet &#8211; kein Tippfehler, obwohl auf meinem Computer eine dicke rote Fehlerschlange unter diesem Wort steht. Die guten Ideen, meint mein Kollege n\u00e4mlich, liegen einfach herum, man muss sie bloss finden, nicht erfinden. Regelm\u00e4ssig darf ich seine Erfindetungen ausprobieren. F\u00fcr einen schon etwas l\u00e4nger zur\u00fcckliegenden Geburtstag hat er mir einen automatischen und \u00f6kologischen Grillwurstwender erfindet. Dieses Ding &#8211; eigentlich war es eine sehr grosse Maschine mit einer ganz kleinen Feuerplatte &#8211; funktionierte dank der Hitze des riesigen Feuers. Und wirklich, der Wurstwender wendete fleissig alle 60 Sekunden, solange ich anfeuerte. Sobald allerdings Grilltemperatur erreicht war, senkte sich die Wenderate auf einmal jede halbe Stunde. Schlicht unbrauchbar! Mein Erfindet hatte nicht ber\u00fccksichtigt, dass man die Grillw\u00fcrste nicht verbrennt, sondern langsam \u00fcber der heissen Glut r\u00f6sten l\u00e4sst. Als Vegetarier hat der Erfindet allerdings auch keine Kenntnisse vom Grillen. Als ich ihn mal zu einer Grillparty am Holzfeuer im Wald mit einlud, wollte er von meinen Erfahrungen mit dem automatischen und \u00f6kologischen Grillwurstwender h\u00f6ren &#8211; als ich der Freundschaft zu liebe schwieg, interpretierte er das richtig. Dabei weiss ich, dass er nie im Leben beleidigt ist, wenn ich eine seiner Erfindetungen als untauglich bezeichne. Schliesslich weiss er, dass grosse Ideen nicht immer alltagstauglich sind.<\/p>\n<p>Und so bekam ich k\u00fcrzlich wieder an einem Geburtstag eine Erfindetung: Einen Wecker mit der Typenbezeichnung &#171;nomeolvides&#187;! Ich habe zwar schon einen Wecker, und ich benutze ihn auch, obwohl ich regelm\u00e4ssig vor der eingestellten Weckzeit wach werde. Dieses Wecker hatte allerdings gar keine Einstellm\u00f6glichkeiten, und auch keine Zeiger. Das sei eben Teil der Erfindetung, wurde ich aufgekl\u00e4rt. Da sei ein kleines Programm drin, welches aus dem Biorhythmus, dem Horoskop und sonst noch einigen Faktoren den richtigen Weckzeitpunkt ermittle und mich dann mit einer zu meiner momentanen Stimmung passenden Geschichte wecke &#8211; quasselnde Menschen m\u00fcssten so etwas einfach m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Als neugieriger Mensch habe ich am Abend den Wecker auf dem Nachttischchen plaziert &#8211; und wurde prompt um Viertel nach F\u00fcnf geweckt, mit einem Witz, von Guschti Br\u00f6smeli erz\u00e4hlt. Da ich Witze nur lustig finde, wenn ich sie selber erz\u00e4hle, fand ich das alles andere als lustig, auch darum, weil ich ausnahmsweise ausschlafen konnte. Das Ding war nicht zu stoppen, und wiederholte alle vier Minuten den gleichen Witz. Nicht zum Aushalten &#8211; ich musste das Elektronikzeugs auf den Balkon stellen. Weil ich nicht mehr einschlafen konnte, sandte ich meinem Kollegen stattdessen ein Mail mit der Bitte um einen Abstellknopf.<\/p>\n<p>Am Abend war die Antwort da. Nichts da von Abstellknopf. Da sei ein Abstellohr eingebaut. Wenn ich laut &#171;Grabesruhe&#187; schreie, h\u00f6re die Sache auf. Und weil ich sicher noch mehr Fragen habe, gebe es jetzt eine neue Rubrik zu diesem Wecker auf seinem Blog.<\/p>\n<p>Zweiter Versuch am Morgen danach: ich war schon lange aufgestanden, als pl\u00f6tzlich vom Nachttisch Basler Schnitzelb\u00e4nke ert\u00f6nten, und dies mitten im Sommer. &#171;Grabesruhe&#187; n\u00fctzte nichts. Ein erster Eintrag in den Blog &#8211; und am Abend die Antwort. Das Abstellohr verstehe nur bayrisch, das sei ein Open Source Applet aus dem Internet gewesen. Er habe eine neue Softwareversion erstellt, damit der Wecker ausschliesslich auf meine Stimme h\u00f6re. Die neue Weckersteuerung k\u00f6nne ich im Internet finden. Ich solle jetzt einfach zehn Mal STOP rufen, und dann wisse der Wecker in Zukunft, wann fertig sei.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen: einigermassen rechtzeitig, eine Till-Eulenspiegel-Geschichte. Schon hundert Mal geh\u00f6rt. Ich beschwere mich \u00fcber die Auswahl der Geschichten. Am Abend die n\u00e4chste Softwareversion. Neu m\u00fcsse ich am Abend f\u00fcr 5 Minuten einen spezielle Badge tragen, und diesen anschliessend zum Wecker legen.<\/p>\n<p>Ich werde am n\u00e4chsten Morgen auf die Sekunde genau geweckt, mit einer Cabaretnummer aus dem vorletzten Jahrhundert. Laut Blog soll der Wecker 100&#8217;000 Geschichten vorr\u00e4tig haben. Und da soll keine drin sein, die mir beim Wecken entspricht? Ich entscheide, es mal eine Woche zu probieren, ohne neue Reklamation auf der Blog-Seite. Leider leider muss ich berichten, dass es auch nach diesen sieben Tagen keine geeignete Weckstory gab. Ich beschwerte mich auf der Blog-Seite. Ich fand den Hinweis, es gebe wieder eine neue Softwareversion mit jetzt 250&#8217;000 Weckgeschichten. Zuversichtlich freute ich mich auf das Gewecktwerden am Morgen: wieder eine Niete! Ich gab der neuen Version nochmals eine Woche Einspielzeit, weil ja schliesslich alle Software beim Kunden &#171;reift&#187;. Doch es stellte sich keine Besserung ein. Und mit der n\u00e4chsten Beschwerde kam die n\u00e4chste Wecker-Version.<\/p>\n<p>Doch keine Geschichte fand den Weg an mein Ohr, ein sinnloses Zusammengeballe von Wortfetzen war es, was mich wecken sollte &#8211; zum Gl\u00fcck war ich schon vorher wach, sonst h\u00e4tte sich mein Geist dieser Silbenversammlung verschlossen. Auf meine Beschwerde hin bat mich mein Kollege, doch diesmal sogar zwei Wochen auszuprobieren. Wenn ich schnell nach dem ersten Ton &#171;Stop&#187; rufe, wisse der Wecker, dass mir diese Geschichte nicht gefalle, wenn ich l\u00e4nger warte, gebe es am n\u00e4chsten Tag mehr davon. Das Ergebnis dieses neuen Testes: in der Regel rief ich schon nach dem ersten Wort &#171;Stop&#187;.<\/p>\n<p>Und jetzt resignierte der Wecker! Am elften Tag kam nur noch ein ganz ordin\u00e4res Weckerpiepsen. Eigentlich gef\u00e4llt mir das am Besten, dachte ich mir, brauche ich am Morgen n\u00e4mlich gar keine Geschichten. Ich brauche nicht bei guter Laune eine lustige Geschichte, um mich bei Laune zu halten. Oder eine traurige, um mir den Wert guter Laune hinter die Ohren schreiben zu lassen. Wenn ich mir das so richtig \u00fcberlege, bin ich nicht berechenbar, manchmal \u00fcberrasche ich mich selbst.<\/p>\n<p>Am Abend fand ich in meiner Mailbox eine Meldung des Erfindet. Jetzt habt Ihr Euch also gefunden, der Wecker und Du. Das freut mich &#8211; aber noch mehr freut mich, dass wir wieder regelm\u00e4ssig Kontakt hatten. Such doch mal &#171;Nomeolvides&#187; im Internet!<\/p>\n<p>Nomeolvides &#8211; ist spanisch und heisst &#171;Vergissmeinnicht&#187;!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wieder ein Mail.<\/p>\n<p>Dieser Wecker ist ein Vergissmeinnicht &#8211; das ist mein Geschenk f\u00fcr Dich. Du kannst ihn weiterverschenken an jemanden, der oder die Dich nicht vergessen soll. Erz\u00e4hl dieser Person eine Geschichte zu diesem Wecker, so, wie ich es bei Dir gemacht habe. Es ist ein Wunderwecker, er setzt Deine Geschichte um. Es ist im \u00fcbrigen wie immer: ich hab Nomeolvides wirklich gefunden und nicht erfunden.<\/p>\n<p>Bevor ich allerdings dazu kam, Nomeolvides weiter zu verschenken, hatte ich Pech. Bei mir wurde eingebrochen, und zusammen mit einigen weiteren elektronischen Gadgets wurde auch der Geschichtenwecker geklaut. Gefunden wurde nichts davon. Weil ja die Anleitung nicht mit dabei ist, d\u00fcrfte der Wunderwecker Nomeolvides irgendwo in einem Gestell liegen, ohne dass Menschen von den M\u00f6glichkeiten profitieren k\u00f6nnen. Ich bef\u00fcrchte, dass er den Weg allen Elektronikschrots bereits gegangen ist oder noch gehen wird.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle diese Geschichte \u00fcber meinen Kollegen, den Erfindet, darum \u00fcberall herum &#8211; und vielleicht kommt eines Tages Nomeolvides wieder zur\u00fcck, vielleicht sogar zu mir. Und wenn er zu Ihnen kommt, wissen Sie jetzt wenigstens, was Sie damit alles tun k\u00f6nnen. Vielleicht, eines Tages&#8230; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-7","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}