{"id":66,"date":"2011-01-28T00:01:24","date_gmt":"2011-01-27T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=66"},"modified":"2011-01-28T00:01:24","modified_gmt":"2011-01-27T23:01:24","slug":"der-spazierganger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2011\/01\/28\/der-spazierganger\/","title":{"rendered":"Der Spazierg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Staunend stand Herr K. am Ufer des Sees. &#171;Das Betreten der Eisfl\u00e4che ist gestattet! Die Stadtpolizei&#187; stand auf einer grossen Anzeigetafel, die auf dem See stand. Schon seit Tagen war der See gefroren, aber noch gestern hatten rot-weisse Absperrb\u00e4nder den Zugang zur Eis gewordenen Seeoberfl\u00e4che verhindert.<\/p>\n<p>Z\u00f6gernd trat Herr K. auf das Eis hinaus. Tats\u00e4chlich, er versank nicht im See, richtig gutes tragf\u00e4higes Eis, ohne Spalten, ohne L\u00f6cher. Herr K. schritt kr\u00e4ftiger aus, richtete den Blick auf den in der Morgend\u00e4mmerung schwach sichtbaren Kirchturm am andern Seeufer. Etwa eine Stunde hin, eine Stunde zur\u00fcck, vielleicht noch einen Kaffee in der Strandbar, so stellte sich Herr K. den heutigen Spaziergang vor.<\/p>\n<p>Seit dreiundzwanzig Jahren und einigen Wochen pflegte Herr K. fast t\u00e4glich einen Spaziergang im St\u00e4dtchen, meistens Richtung die schmale und weit in den See hinausragende Landzunge, die einen weiten Blick \u00fcber den See und das gegen\u00fcberliegende Ufer bot. Seit dem Morgen nach dem Tag, an dem seine Partnerin und er in dieses St\u00e4dtchen gezogen waren, spazierte er nun schon &#8211; zuerst, um das St\u00e4dtchen kennen zu lernen, dann aus Gewohnheit. Und diese Gewohnheit hielt er bei, einerseits, weil dieser Spaziergang immerhin die H\u00e4lfte der t\u00e4glich empfohlenen Schrittzahl &#8211; dem Herz und der Gesundheit zuliebe &#8211; einbrachte, andererseits, und dies eigentlich zuerst, weil dieser Spaziergang die Inspirationsquelle f\u00fcr seine t\u00e4gliche Arbeit war.<\/p>\n<p>Herr K. bet\u00e4tigte sich als Autor &#8211; als &#171;Langgeschichten-Erz\u00e4hler&#187;, wie auf seiner Visitenkarte stand. Seine Partnerin, er hatte sie im Verlag kennengelernt, welcher seine B\u00fccher verlegte, damals war sie als Lektorin seines Buches t\u00e4tig, war inzwischen zur Erstleserin und zum wichtigsten Echoraum beim Entstehen seiner B\u00fccher geworden. Lektorin war sie immer noch, ihr T\u00e4tigkeitsgebiet waren vor allem Schulb\u00fccher zu fast allen Unterrichtsthemen. Diese T\u00e4tigkeiten erm\u00f6glichten eine geruhsame Lebensweise, unter anderem mit den langen Spazierg\u00e4ngen. Manchmal begleitete sie ihn, vor allem dann, was leider selten genug vorkam, wenn sie Einfluss auf den Gang einer Geschichte nehmen wollte. <\/p>\n<p>Unterdessen lag das Ufer bereits weit zur\u00fcck, der Blick zur\u00fcck zeigte vor allem die idyllischen Seiten des St\u00e4dtchens. Leicht am Hang lag das Mehrfamilienhaus mit seiner Wohnung im zweitobersten Stock. Haus und Umgebung wirkten noch ruhend. <\/p>\n<p>Nahe am Ufer standen die St\u00fctzmauern eines alten Bahntrassees &#8211; die Bahnlinie verlief l\u00e4ngst begradigt im Untergrund. Die Mauern waren zur langgezogenen Leinwand von Paintbrushern geworden. Hin und wieder sah er, wie ein solches Bild entstand, M\u00e4nner und Frauen, manchmal auch Jugendliche, die mit Spraydosen herumwerkelten, ihm nerv\u00f6se Blicke zuwarfen, die wieder auf die Wand zur\u00fcckkehrten, wenn sie den Spazierg\u00e4nger als harmlos eingesch\u00e4tzt hatten. Er hatte in all den Jahren eine interessante, sich auch wiederholende Wandlung der Spray-Stile mitverfolgt, manchmal fig\u00fcrlich, dann wieder ornamental, hin und wieder riesige Tags, die grafisch gestalteten K\u00fcnstlernamen der SprayerInnen. Herr K. hatte keine Meinung, ob diese Sprayereien eine gute Sache seien, noch hatte er besondere Vorlieben f\u00fcr einzelne der Stils. Er stellte fest, dass nicht nur die Stile \u00e4nderten, sondern auch die Farbigkeit der Werke, manchmal waren die Bilder d\u00fcster und bedrohlich, dann wieder knallig bunt und heiter. <\/p>\n<p>Langsam stieg gegen Osten hin die grosse helle Sonnenscheibe immer h\u00f6her, das Licht spiegelte sich auf dem Eis, schien abzuk\u00fchlen dabei, auch wenn er nur blinzelnd in diese Richtung sehen konnte. Herr K. beschleunigte seine Schritte. Auch wenn er sich an das Spazieren an der kalten Luft gew\u00f6hnt war, sp\u00fcrte er hier draussen auf dem gefrorenen See die k\u00fchlende Wirkung des Windes.<\/p>\n<p>Bei seinen Wanderungen entstanden die Ideen, die er dann im Verlauf der Tagesarbeit zu Geschichten formte. Manchmal kam es ihm vor, als l\u00e4gen die Ideen einfach in der Gegend herum, und er m\u00fcsse sie nur einsammeln und gut bewahren, um daraus eine Geschichte zu machen. Hier draussen auf dem See, in der immer gr\u00f6sser werdenden Weite, liessen sich keine neuen Gedanken sammeln, es war, wie wenn die Einf\u00e4lle an &#171;seinem&#187; Ufer auf ihn als Finder warten w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Hier in der Mitte des Sees war er ganz allein. Beim Blick zur\u00fcck meinte er, Kinder, ganze Schulklassen zu sehen, die das seltene Ereignis des gefrorenen Sees genau so nutzten wie er. <\/p>\n<p>Kurz darauf glitt ihm eine Gruppe von Schlittschuhl\u00e4uferinnen und -l\u00e4ufern jauchzend und schreiend entgegen und verschwand schnell in seinem R\u00fccken, w\u00e4hrend er immer wieder von Schlittschuhlaufenden \u00fcberholt wurde. Nochmals beschleunigte Herr K. seine Schritte, und er n\u00e4herte sich immer deutlicher dem Ufer. Beim Blick auf die Uhr am n\u00e4herger\u00fcckten Kirchturm stellte er fest, dass er deutlich schneller vorangekommen war als erwartet.<\/p>\n<p>Nach der willkommenen Pause im herrlich nach frischem Brot duftenden Strandcaf\u00e9 nahm Herr K. den ihm bestens bekannten Kirchturm seines Wohnortes in den Blick und schritt kr\u00e4ftig auf der riesigen Eisfl\u00e4che aus. Es schien ihm, als h\u00e4tten es all die Menschen, die am See lebten, ihm gleichgetan. Er erinnerte sich an den gestrigen Wetterbericht. Demnach w\u00fcrde schon bald Tauwetter herrschen. Ja, wer sich nicht heute oder morgen auf das Eis wagte, w\u00fcrde diesen Spass verpassen! Nun schien es ihm erst recht, als h\u00e4tten die vielen Menschen auf dem Eis alle guten Anregungen vertrieben. Zur\u00fcck am Ufer, ging es so weiter. Auch an den guten Ideenauflesepl\u00e4tzen herrschte g\u00e4hnende Leere, langweilige Stille.<\/p>\n<p>S. sass in ihrem Lesesessel neben dem kleinen Tischchen mit dem Kaffeekrug, und las in den Seiten, die er ihr gestern zur Lekt\u00fcre hingelegt hatte. &#171;Du bist sp\u00e4t dran heute. Und das, was ich heute morgen gelesen habe, gef\u00e4llt mir.&#187; Herr K. schenkte sich einen Kaffee ein und liess sich aufseufzend im Sofa ihr gegen\u00fcber nieder. Und er berichtete vom gefrorenen See, von der Wanderung \u00fcber den See ans gegen\u00fcberliegende Ufer, er erz\u00e4hlte von den Stimmungen, dem Licht, der Leere, und sp\u00e4ter dem quirligen Leben auf der Eisfl\u00e4che. Herr K. beklagte sich \u00fcber die nicht gefundenen Ideen. Verwundet stellt er fest, dass seine Partnerin ob seiner Klage am\u00fcsiert den Kopf sch\u00fcttelte. &#171;Mein Lieber, Du irrst Dich &#8211; Deine Erz\u00e4hlung \u00fcber den Spaziergang und das Rundherum war beste Unterhaltung, das war schon fast Klassik und Romantik gleichzeitig. Heute abend ist Vollmond. Der Wetterbericht sagt klaren Himmel voraus. Lass uns heute abend zusammen \u00fcber den See spazieren.&#187;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Mondlicht-Spaziergangs \u00fcber den gefrorenen See zeigten sich die Ideen wie gewohnt.   <\/p>\n<hr \/>\n<p>Die Geschichte vom Spazierg\u00e4nger ist im \u00fcbrigen eine 1000-W\u00f6rter-Geschichte &#8211; eine Geschichte also, die weniger sagen soll als ein einziges Bild. Weniger als zum Beispiel dieses Bild?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.umweltnetz.ch\/images\/sihlsee.jpg\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2],"tags":[],"class_list":["post-66","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}