{"id":43,"date":"2010-07-21T02:00:06","date_gmt":"2010-07-21T00:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=43"},"modified":"2010-07-21T02:00:06","modified_gmt":"2010-07-21T00:00:06","slug":"geschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2010\/07\/21\/geschichten\/","title":{"rendered":"Wenn sich Geschichten selbstst\u00e4ndig machen"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich bin Geschichtenerz\u00e4hler. Meistens schreibe ich Geschichten, damit Du sie lesen kannst, hin und wieder erz\u00e4hle ich sie auch. Nun, ich kann leidlich gut davon leben, und ich habe immer noch Spass am Erz\u00e4hlen von Geschichten. Meine Vorfahren viele Generationen zur\u00fcck waren auch Geschichtenerz\u00e4hlerinnen und Geschichtenerz\u00e4hler, auch in Deiner Familie gab es sicher solche. Viele haben es vielleicht gar nicht gewusst, Leben konnten sie davon gar nicht. Darum bilde ich mir auf meinen Job auch gar nichts ein: ich erz\u00e4hle einfach das, was eh schon in der Luft liegt.<\/p>\n<p>Mein Name ist Wulff, und wenn wir schon dabei sind: ich erz\u00e4hle Geschichten am liebsten Menschen, die ich gut mag, und das geht mit dem Du viel leichter. Ich erz\u00e4hle Geschichten, weil ich davon ausgehe, dass Geschichten unterhalten. Und wenn dann noch diese oder jene neue Idee daraus entsteht, bitte, da wehre ich mich sicher nicht!<\/p>\n<p>Kurzgeschichten mag ich sehr, die erz\u00e4hle ich auch sehr gerne, Episoden aus dem Alltag, erheiternd, manchmal auch ern\u00fcchternd. Und dann nat\u00fcrlich die grossen Sachen, Krimis zum Beispiel. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich denn \u00fcberhaupt Krimis schreibe, mit all diesen Toten. F\u00fcr mich geht es bei den Krimi-Geschichten um die Auseinandersetzung mit der urmenschlichen Frage von Recht und Unrecht und vom Umgang der Menschen damit. Ich versuche, in meinen Krimis den Wert des Lebens auszudr\u00fccken, indem ich dar\u00fcber berichte, wie viel Aufwand, wie viel Klugheit ErmittlerInnen treiben, um gewaltsame Tode aufzukl\u00e4ren &#8211; verbunden mit der unmissverst\u00e4ndlichen Botschaft, dass sich Gewalt nicht lohnt, nicht lohnen darf.<\/p>\n<p>Ich schreibe haupts\u00e4chlich \u00d6ko-Krimis. \u00dcber jene, die die Umwelt \u00fcberm\u00e4ssig belasten, ob absichtlich, freiwillig oder ungeplant. Und \u00fcber jene, die sich f\u00fcr weniger Umweltbelastung einsetzen. Es geht also wieder um das Leben. Und wegen eines solchen \u00d6ko-Krimis entstand diese Geschichte.<\/p>\n<p>An einem Sonntag-Morgen \u00f6ffnete ich ein neu eingetroffenes E-Mail, ein  E-Mail von R\u00e4gi, einer Schulfreundin, lange ists her, aber das w\u00e4re bereits wieder eine andere Geschichte, auf jeden Fall kein Krimi. R\u00e4gi, mit der ich sicher zwanzig Jahre keinen Kontakt gehabt habe, berichtete mir von ihrer Arbeit: als Computerlinguistikerin leitet sie ein grosses Teilprojekt eines globalen Vorhabens, in dem versucht wird, Computerprogramme zu entwickeln, die in der Lage sind, Texte zu interpretieren &#8211; auch sie brauchte das Wort &#171;verstehen&#187; nicht. Was mich immer wieder fasziniert: wenn ein Buch digital zur Verf\u00fcgung gestellt wird, braucht das Titelblatt mehr Speicherplatz als der Textinhalt. Menschliche Gedanken brauchen nicht viel Platz, schon gemachte Bilder schon. Deshalb pl\u00e4diere ich f\u00fcr Gedanken und rege an, die Bilder selber im Kopf zu machen. Aber auch das wieder eine andere Geschichte, und ich versuche, nicht mehr abzuschweifen, aber das gelingt den Geschichtenerz\u00e4hlerInnen erfahrungsgem\u00e4ss eher schlecht.<\/p>\n<p>R\u00e4gi arbeitet mit ihrem Team also daran, Texte durch den Computer zu interpretieren. Der Prototyp eines der Computerprogramme dieses Projektes vergleicht aktuelle Zeitungsmeldungen mit den im Internet gespeicherten Geschichten, von der Weltliteratur bis hinab zu den Krimis, wie auch ich sie schreibe. R\u00e4gi schreibt dazu: \u00abWir werden immer wieder \u00fcberrascht, wie gross die \u00dcbereinstimmung zwischen den erfundenen Texten und der Realit\u00e4t aus den Zeitungsmeldungen ist. Oder anders: was Menschen sich in Texten ausdenken, passiert tats\u00e4chlich. Manchmal ist die \u00dcbereinstimmung geradezu erschreckend, und ein solches Beispiel betrifft einen Deiner Krimis. Vor einigen Wochen wurde ein Atomenergieforscher in Belgien \u00fcberfallen, und die Computer haben herausgefunden, dass der \u00dcberfall zu 95 Prozent mit einem Ereignis \u00fcbereinstimmt, welches Du als Teil Deines Krimis geschrieben hast. Mit anderen Worten: entweder bist Du der T\u00e4ter (was ich ausschliesse), oder der T\u00e4ter oder die T\u00e4terInnen haben Dein Buch als Rezept verstanden.\u00bb Und R\u00e4gi f\u00fcgte bei, dass man sich als Nebeneffekt ihres Projektes \u00fcberlege, ob man den Regierungen vorschlagen solle, Krimis zu verbieten. Und da der Ironie-Smiley \ud83d\ude09 bei diesem Satz fehlte, musste ich davon ausgehen, dass solche Sachen ernsthaft erwogen werden.<\/p>\n<p>Damit war nat\u00fcrlich mein Sonntag verdorben. Der Vorwurf ist bekanntlich uralt, dass Krimi-AutorInnen eigentlich verhinderte T\u00e4terInnen seien, die eigentlich nur aus Klugheit, oder wahrscheinlich eher wegen der intellektuellen Besch\u00e4ftigung mit dem Thema, daran gehindert w\u00fcrden, die Taten auch tats\u00e4chlich umzusetzen. Damit sollen sich die PsychologInnen besch\u00e4ftigen. Der Vorschlag von R\u00e4gi geht viel weiter: verantwortlich f\u00fcr den Mensch gemachten Klimawandel w\u00e4ren dann n\u00e4mlich nicht jene, die Treibhausgase ausstossen, sondern jene, die auf diese Zusammenh\u00e4nge hinweisen. Oder bei Wirtschafts- und Finanzkrisen w\u00e4ren es die WissenschafterInnen und JournalistInnen, die darauf hinweisen, dass zu Gewinnen immer auch Verluste geh\u00f6ren. Der \u00dcberbringer der schlechten News als Schuft &#8211; das haben schon die alten Griechen so gesehen!<\/p>\n<p>Trotz der schweren Gedankenw\u00e4lzerei machte ich wie immer meinen Abendspaziergang, sass eine Weile auf der Sitzbank beim Aussichtspunkt hoch \u00fcber der Stadt, genoss die letzten Strahlen der Abendsonne &#8211; und legte mir die Antwort an R\u00e4gi zurecht.<\/p>\n<p>So schrieb ich denn am Montag-Morgen: \u00abLiebe R\u00e4gi. Ich danke sowohl f\u00fcr das Mail wie f\u00fcr Dein Vertrauen, nicht als T\u00e4ter in Frage zu kommen. Gestern abend sass ich auf einem Ruhebank \u00fcber der Stadt und genoss den warmen Sommerabend. Viele angenehme Gedanken gingen mir &#8211; wie schon vielfach bei solchen Gelegenheiten &#8211; durch den Kopf. Und Du wirst, wenn Du meine Krimis lesen w\u00fcrdest, viele solcher Gedanken auch in meinen Texten finden. Auch wenn ich Deine Arbeit spektakul\u00e4r finde, und wenn mich beeindruckt, dass sogar meine Krimis in Eurer Datenbank gespeichert sind, gehe ich davon aus, dass Eure Computer diese h\u00fcbschen Stellen nicht finden. Dies hat auch damit zu tun, dass solche News nicht in die Zeitung kommen. Stell Dir, es hiesse da &#171;Herr Wulff X. sass am Sonntag-Abend am Waldrand, genoss den Sommer, liess seine Gedanken schweifen und fand dabei einige unterhaltende, festhaltenswerte Gedankensplitter, die er vielleicht in seinen n\u00e4chsten \u00d6ko-Krimi einarbeiten wird.&#187; Gedanken sind bekanntlich frei, sie m\u00f6gen auch hin und wieder einen Einfluss auf die Menschheit haben. Auch ohne Krimis w\u00fcrde es Kriminalf\u00e4lle geben, da bin nicht nur ich sehr sicher. Ich will Dir nichts unterstellen, aber Du hast doch sicher auch schon die Idee gehabt, es w\u00e4re super, diesen oder jenen, diese oder jene einfach von der Erde verschwinden zu lassen, sei dies nun ein Nachbar oder eine Staatspr\u00e4sidentin. Und mit meinen Krimis zeige ich auf, welches Leid solche Taten bewirken, dass sie nicht l\u00f6sungsorientiert sind, dass es Menschen gibt, die nicht nachgeben, die alles daran setzen, die T\u00e4terinnen und T\u00e4ter in die Verantwortung zu nehmen. Vielleicht ist dies eine Ausflucht, aber ich meine nach wie vor, dass ich mit meinen Geschichten dazu beitrage, dass die Welt ein kleines kleines Bisschen besser wird. Wenn dem so ist, bin ich nicht stolz darauf, aber es freut mich. Ich lade Dich gerne zu einem Sonntagabend-Spaziergang ein!&#187;.<\/p>\n<p>So kam es denn einige Wochen sp\u00e4ter auch. Wir sassen zusammen \u00fcber der Stadt, sprachen \u00fcber Geschichten, \u00fcber Computerlinguistik, dar\u00fcber, was die Welt besser macht. Erst die ersten grossen Tropfen eines schnell herannahenden Gewitters trieben uns zur\u00fcck in die Stadt, wo R\u00e4gi gerade noch den letzten Zug zur R\u00fcckreise erreichte.<\/p>\n<p>Die Computerforschungen von R\u00e4gi und ihrem Team haben unter anderem die Absicht, passende Werbelinks zu aktuellen Internet-Artikeln zu finden. Und zum Beispiel zu verhindern, dass neben den Bericht am Mord eines Fussballstars Werbung f\u00fcr Pistolen oder Fussballschuhe plaziert wird. Sie \u00fcberlegt sich nun, wie man Links finden kann, die ohne Verkaufsabsichten Trost spenden, wenn der Artikel einen traurigen Hintergrund hat &#8211; oder sogar bewusst auf Links zu verzichten in solchen Situationen. Oder wie sich Links einbauen lassen, die zum Beispiel bei Berichten \u00fcber den Mensch gemachten Klimawandel zum eigenverantwortlichen Handeln auffordern. Mein n\u00e4chster \u00d6ko-Krimi wird mit Sicherheit auch mit Computern zu tun haben, wird versuchen, noch st\u00e4rker die lebensbejahenden Botschaften, das Nein zur Gewalt als Handlungsoption darzustellen.<\/p>\n<p>Denn: wenn sich die Geschichten tats\u00e4chlich selbst\u00e4ndig machen sollten, dann habe ich als Geschichtenerz\u00e4hler noch mehr Einfluss, als ich mir gedacht habe. Aber deswegen keine Geschichten mehr erz\u00e4hlen? Nein, das geht wirklich nicht! Und ich bleibe dabei: Geschichten schreibe ich, um Dich zu unterhalten, und sicher auch, um einige Gedanken weiter zu geben &#8211; immer mit der Hoffnung, dass diese die Welt ein bisschen besser machen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[4,5,6],"class_list":["post-43","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","tag-computerlinguistik","tag-gedanken","tag-krimi"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}