{"id":26,"date":"2005-12-24T18:16:48","date_gmt":"2005-12-24T17:16:48","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=26"},"modified":"2005-12-24T18:16:48","modified_gmt":"2005-12-24T17:16:48","slug":"die-tannen-uber-dem-dorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2005\/12\/24\/die-tannen-uber-dem-dorf\/","title":{"rendered":"Die Tannen \u00fcber dem Dorf"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Wetter ist in diesen Tagen im August nicht einfach Einstiegsthema, wenn man sich im Dorf trifft. Seit Tagen regnet es in Str\u00f6men, und die Blicke gehen h\u00e4ufig hangaufw\u00e4rts. Dort rauscht hinter einem tannenbewachsenen Damm der Bach aus dem Steintal ins Tal hinunter. Den Damm haben die Dorfbewohner vor mehr als achtzig Jahren gebaut. Zum Schutze des Bauwerks wurden hunderte von Tannen gesetzt. Die alten Geschichten erz\u00e4hlen von einer Flut, als der Steinbach bei einem grossen Tauwetter am Hang oben sein Bett verliess und als reissender Strom eine verheerende Spur durchs Dorf zog. Weil dies mitten in der Nacht geschah, starb damals die halbe Dorfbev\u00f6lkerung. Viele waren damals weggezogen. Jene, die blieben, wollten sich und ihre Nachfahren vor \u00e4hnlichen Gefahren sch\u00fctzen und bauten darum unterst\u00fctzt von freiwilligen Helfenden aus der ganzen Gegend einen fast hundert Meter langen und gegen acht Meter hohen Erdwall.<\/p>\n<p>St\u00fcndlich werden die Blicke den Hang hinauf besorgter, denn die Feuerwehr meldet, dass die Fluten aus dem Steintal das Profil schon fast vollst\u00e4ndig ausf\u00fcllten und mit voller Wucht am Damm zehrten. Vor allem eine Stelle sei besonders gef\u00e4hrdet: dort, wo die wilden Wasser, Steine und Holz mit sich f\u00fchrend, auf den sch\u00fctzenden Wall prallten. Dort stehe eine alte Tanne, dahinter ein junger Baum. Nur wenn das Wurzelwerk dieser B\u00e4ume den Wassermassen Stand halten k\u00f6nne, werde es nicht zu einer Flut kommen. Die Versuche, den Widerstand der grossen Tanne zu unterst\u00fctzen, seien erfolglos, denn die Sands\u00e4cke w\u00fcrden immer wieder vom Wasser mitgerissen. Betet und hofft, das ist das einzige, was uns noch helfen kann in dieser Situation, schlossen die Berichte der ersch\u00f6pften Feuerwehrleute, wenn sie nach langer Nachtwehr ihren H\u00e4usern zuschlurften.<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden raten, das Dorf zu verlasssen. Vor allem Familien, deren Kinder so oder so jeden Tag f\u00fcr den Schulbesuch ins Nachbardorf ziehen, suchen und finden Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten. Viele wollen bleiben, sei es, um das eigene Haus mit Sands\u00e4cken, Steinen und Brettern zu sch\u00fctzen, oder die Feuerwehrleute zu unterst\u00fctzen. Vielleicht auch, um den existenzsichernden B\u00e4ume mit wohlwollenden Gedanken m\u00f6glichst nahe zu sein? Der Damm h\u00e4lt! Auch wenn der kleinere der Schutzb\u00e4ume an der exponierten Stelle fast vollst\u00e4ndig unter Wasser ger\u00e4t, bleiben die B\u00e4ume standfest.<\/p>\n<p>Endlich h\u00f6rt der Regen auf, nach Tagen beginnt der Pegel des Steinbachs zu sinken. Das Aufatmen geht h\u00f6rbar durch das Dorf. Schon bald nehmen die Dinge wieder ihren allt\u00e4glichen Lauf, die Blicke zu den Tannen oben am Hang \u00fcber dem Dorf werden seltener.<\/p>\n<p>Mit den ersten Schneeflocken Mitte November wird es wieder anders. Wenn Menschen zu zweit oder in Gr\u00fcppchen zusammenstehen, blicken sie wieder h\u00e4ufiger den Hang hinauf, zeigen auf die Tannen. Nur sind es diesmal keine besorgten Blicke, sondern fr\u00f6hliche, entspannte Gesichter. Es reift ein Plan.<\/p>\n<p>Am ersten Adventssonntag leuchten die Tannen auf dem Schutzdamm in weihn\u00e4chtlichem Schmuck. Statt an ihren H\u00e4usern und G\u00e4rten haben die Dorfbewohnenden ihre Weihnachtsbeleuchtungen f\u00fcr die Dekoration der wehrhaften B\u00e4ume verwendet. Im ganzen Land wird \u00fcber diesen Dank an den Schutzwald berichtet.<\/p>\n<p>Am 24. Dezember, kurz nach dem Eindunkeln, treffen sich die Menschen aus dem Dorf bei ihren Schutzb\u00e4umen. Sie haben warme Getr\u00e4nke und Weihnachtsgeb\u00e4ck mitgebracht. Nach diesem \u00dcberschwemmungssommer haben viele das Bed\u00fcrfnis, vor den fr\u00f6hlichen Familienfesten einen Moment bei jenen B\u00e4umen zu verbringen, die das Dorf und ihr Haus vor den verheerenden Fluten gesch\u00fctzt haben.<br \/>\nIn den Gespr\u00e4chen entsteht immer wieder der gleiche Gedanke: welchen Schutz brauchen diese B\u00e4ume, damit sie auch in Zukunft Mensch und Natur vor den Gewalten der Natur sch\u00fctzen k\u00f6nnen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-26","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weihnachtsgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}