{"id":22,"date":"2004-12-24T08:02:15","date_gmt":"2004-12-24T07:02:15","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=22"},"modified":"2004-12-24T08:02:15","modified_gmt":"2004-12-24T07:02:15","slug":"stille-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2004\/12\/24\/stille-nacht\/","title":{"rendered":"Stille Nacht"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Heiligabend 19 Uhr 32. Die Postenchefin setzt sich mit einem Stossseufzer an den Tisch. Endlich etwas ruhiger nach dem hektischen Nachmittag vor Weihnachten. Mit den zwei Frauen und drei M\u00e4nnern, die mit ihr f\u00fcr den heutigen Pikettdienst eingeteilt sind, m\u00f6chte sie in den n\u00e4chsten 15 Minuten einen Imbiss geniessen k\u00f6nnen, etwas gediegener als an einem normalen Arbeitstag. Auf dem Tisch liegt ganz un\u00fcblich ein sch\u00f6nes Tischtuch, in der Mitte flackern einige Kerzen.<\/p>\n<p>Als sie zum L\u00f6ffel in der Sellerie-Salat-Sch\u00fcssel greift, beginnt das Telefon zu piepsen, und zwar jenes an der &#171;roten&#187; Leitung, also f\u00fcr die ganz dringenden F\u00e4lle. &#171;Sara, wir haben hier eine Vermisstmeldung. Ein 11-j\u00e4hriger Knabe wird seit eineinhalb Stunden vermisst. Die Eltern vermuten, dass er sich irgendwo versteckt. Er hat sein Keyboard und einige Kerzen mitgenommen. Der Vermisste wohnt mit seinen Eltern im Grautal-Quartier, Bachstrasse 17. K\u00f6nnt Ihr mal hingehen?&#187; Sara gibt die Meldung ihren Kolleginnen und Kollegen weiter. &#171;Nehmt wenigstens ein Br\u00f6tchen und einige \u00c4pfel mit. Es k\u00f6nnte l\u00e4nger dauern. Wir treffen uns in einer Viertelstunde bei den Eltern. Wir werden dort die Suchsektoren einteilen, wenn wir die Lieblingspl\u00e4tze des Jungen kennen.&#187;<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde sp\u00e4ter sind die drei Suchteams unterwegs. Zuerst mussten sie die Eltern \u00fcberreden, einfach zu Hause zu warten und alles f\u00fcr die R\u00fcckkehr des Ausreissers vorzubereiten. Auf den Karten haben die Suchteams die Route eingetragen, mit den Spielpl\u00e4tzen, dem Schulhaus-Pausenplatz, den H\u00e4usern der Schulkollegen. Den Wald \u00fcber dem Quartier haben sie von der Suche ausgenommen. &#171;Ein so kleiner Junge traut sich doch nicht in den Wald bei dieser Dunkelheit. Und achtet auf T\u00f6ne von einem Keyboard. Wir treffen uns wieder hier in genau einer Stunde.&#187;<\/p>\n<p>Es kam kein Funkspruch mit der erl\u00f6senden Meldung, dass der Junge gefunden worden sei. &#171;Wenn er nicht irgendwo in einem dunklen Keller oder Estrich sitzt, dann ist er nicht hier im Quartier.&#187; So die einhellige Meinung der Suchteams.<\/p>\n<p>&#171;Mir ist unterdessen eine Idee gekommen&#187;, wendet sich die verzweifelte Mutter an die PolizistInnen. &#171;Sie haben vorhin den Wald von der Suche ausgenommen. Wir gehen mit Lasse h\u00e4ufig in den Wald. An einigen Punkten gef\u00e4llt es ihm besonders gut, beispielsweise beim \u00f6ffentlichen Grillplatz, bei der Bachquelle oder ganz am Ende des Tals.&#187; Es wird beschlossen, dass die Teams sich nochmals auf die Suche begeben und vor allem im Wald suchen.<\/p>\n<p>Leichter Schneefall hat eingesetzt, die Fahrbahnen sind bereits rutschig, und es ist deutlich k\u00e4lter geworden. Alle wissen: jetzt ist besondere Eile angesagt. Wenn der Junge bis in einer halben Stunde nicht gefunden ist, muss Grossalarm ausgel\u00f6st werden. Und das ausgerechnet am Heilig Abend!<\/p>\n<p>Team 1 hat es \u00fcbernommen, am weitest entfernten Punkt zu suchen. 500 Meter vor der kleinen Lichtung gehts mit dem Polizeifahrzeug nicht mehr weiter. Sie legen den steilen, glitschigen Weg zu Fuss zur\u00fcck. Als sich die Augen an die Dunkelheit gew\u00f6hnt haben, wirkt die Landschaft sehr reizvoll. Die leise rieselnden Schneeflocken glitzern im sp\u00e4rlichen Licht der Taschenlampen, die verschneiten Waldb\u00e4ume bilden eine m\u00e4rchenhafte Kulisse.<\/p>\n<p>Da, ein Reh bricht aus dem Unterholz, knapp vor den beiden PolizistInnen. Hoppelt weiter vorne nicht ein Hase? &#171;H\u00f6r mal!&#187; Die beiden bleiben stehen, heftig atmend. Gelegentlich sind feine Ger\u00e4uschfetzen zu h\u00f6ren, lassen Melodien erahnen. Sie gehen weiter, auf die T\u00f6ne zu. Da vorne rechts, ist das nicht ein neuer Lichtschein? Nach einigen weiteren Schritten bleiben sie staunend stehen. Bei der Futterh\u00fctte am Rand der Lichtung brennen einige Kerzen. Aus dieser Richtung kommen auch die T\u00f6ne eindeutig &#171;Stille Nacht, heilige Nacht&#187;. Noch einige Schritte weiter. Dort sitzt der Knabe vor seinem Keyboard und spielt Weihnachtslieder. Ganz verzaubert h\u00f6ren die Polizistin und der Polizist zu, vergessen fast ihren Auftrag. Und ist dies hinter jenem Baum nicht das Reh, das vorhin \u00fcber die Strasse huschte und jetzt auch der Musik zu lauschen scheint?<\/p>\n<p>Fl\u00fcsternd verst\u00e4ndigen sich die PolizistInnen. Sie m\u00f6chten den Jungen nicht erschrecken und entscheiden daher, in das Lied einzustimmen und sich langsam auf Lasse zuzubewegen. Gleichzeitig mit dem m\u00e4chtigen Schlussakkord treffen die singenden PolizistInnen beim Knaben ein.<\/p>\n<p>&#171;Lasse, das hat gut get\u00f6nt, aber Du hast viele Menschen erschreckt, weil Du davongelaufen bist und Dich hier versteckt hast. Jetzt sind wir einfach froh, dass wir Dich gefunden haben. Komm, lass uns gehen, wir bringen Dich zu Deinen Eltern zur\u00fcck.&#187;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Auto ist Lasse ganz still, w\u00e4hrend \u00fcber Funk die frohe Meldung vom gefunden Kind weitergereicht wird. Erst in der warmen Stube, in den Armen von Vater und Mutter, taut Lasse auf.<\/p>\n<p>&#171;Alle Nachbarn klopfen dauernd an die W\u00e4nde, an den Boden und an die Decke, wenn ich mit meinem Instrument \u00fcbe. Heute abend wollte ich all die sch\u00f6nen Weihnachtslieder ohne dieses falsche Geklopfe spielen k\u00f6nnen. Dort oben im Wald war ich ganz ungest\u00f6rt, es war so sch\u00f6n.&#187; Vater und Mutter schauen sich an, versprechen, mit den NachbarInnen eine L\u00f6sung zu suchen, damit Lasse auch zu Hause ungest\u00f6rt mit dem Klavier \u00fcben kann.<\/p>\n<p>&#171;Das war ja eine echte Weihnachtsgeschichte&#187;, meint Sara, als sie etwas sp\u00e4ter aufatmend zum Salatbesteck greift.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-22","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weihnachtsgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}