{"id":216,"date":"2016-12-24T14:15:38","date_gmt":"2016-12-24T13:15:38","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=216"},"modified":"2016-12-24T14:15:38","modified_gmt":"2016-12-24T13:15:38","slug":"wuensche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2016\/12\/24\/wuensche\/","title":{"rendered":"W\u00fcnsche"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Am Weihnachtstisch werden nach dem feinen Essen die Teller zusammenger\u00e4umt. Gem\u00fctlich sitzen alle zusammen und tauschen sich aus.<\/p>\n<p>Maxine, was macht die Schule?, fragt Gerd, ihr Grossvater.<\/p>\n<p>Maxine ist die J\u00fcngste am Tisch. Sie ist Sch\u00fclerin am Gymnasium Hohenb\u00fchl.<\/p>\n<p>Mit den Noten bin ich ganz zufrieden. Besonders gef\u00e4llt mir unser neues Theaterprojekt. Es geht um W\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Das passt ja bestens zu Weihnachten. Mal schauen bei der Bescherung, ob mein Geschenk zu deinen W\u00fcnschen passt.<\/p>\n<p>Grandpapa, es geht nicht um solche W\u00fcnsche, es geht um die grossen W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft der Erde.<\/p>\n<p>Und das macht heute die Schule mit Euch? W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft, das ist doch etwas f\u00fcr meine Generation.<\/p>\n<p>Warum denn, Grandpapa?<\/p>\n<p>Maxine ist etwas lauter geworden, bereits beginnen einige am Tisch, wenigstens mit einem halben Ohr mitzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Warum denn, Grandpapa? Wir m\u00fcssen doch irgendwann in der Zukunft mit dem umgehen, was deine Generation, was die Generation meiner Eltern mit der Erde angestellt haben. Da macht es sicher Sinn, dass wir uns Gedanken machen, welche W\u00fcnsche wir auch an die Generation unserer Eltern und Grosseltern haben. Schliesslich sind sie es, die derzeit das Sagen haben.<\/p>\n<p>Was eure Generation in Zukunft macht, ist ganz eure Sache \u2013 derzeit geht es um unsere eigenen W\u00fcnsche, wie es fr\u00fcher um die W\u00fcnsche unserer Eltern und Grosseltern ging. Eure Generation wird ja kaum etwas f\u00fcr uns tun.<\/p>\n<p>Bist du da so sicher, Grandpapa? Auf jeden Fall ist dies eine ziemlich alte Ansicht, wir haben bei unseren Recherchen ein Zitat mit dieser Aussage aus dem 18. Jahrhundert gefunden. Den Brundtland-Report \u00abUnsere gemeinsame Zukunft\u00bb zur Nachhaltigkeit aus dem Jahr 1987, noch vor meiner Geburt, solltest du auch mitbekommen haben.<\/p>\n<p>Maxine, du sagst also, dass deine W\u00fcnsche wichtiger sind als meine.<\/p>\n<p>So ist es nicht. Aber unsere W\u00fcnsche sind wichtiger als deine W\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Immer gr\u00f6sser wird der Kreis, der der Diskussion von Maxine und Gerd zuh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Lass mich dies erkl\u00e4ren. Vor Weihnachten letztes Jahr hat Istvan aus unserer Klasse gew\u00fcnscht, dass alle wollen, was er will. Wir haben uns zuerst sehr \u00fcber Istvan gewundert. Dann hat er uns seine Geschichte vorgelesen \u2013 er will eine Welt ohne Kohle, Erd\u00f6l, Erdgas und Atomenergie. Viele Menschen sagen, dass dies m\u00f6glich ist, wenn wir es wollen. Und Istvan hat gesagt, dass dies vor allem jene sind, die zufrieden sind in ihrem Leben, die ihre Zuversicht mit einem Lachen best\u00e4tigen. Istvan war letztes Jahr beeindruckt von den Menschen aus Tuvalu, die sich f\u00fcr den Klimaschutz einsetzen, weil sonst ihre Insel, ihr Lebensraum, vom Meer verschluckt wird. Es geht nicht nur um die kleinen Inseln im Meer, es geht auch um die Berge, wo der Klimawandel alles ver\u00e4ndert. Mag sein, dass deine Generation noch nicht so direkt betroffen sein wird, aber es kann dir doch nicht egal sein, wie es nachkommende Generationen geht?<\/p>\n<p>Maxine, auch wir hatten und haben einiges an Dingen zu erledigen, f\u00fcr die eigentlich unsere Vorfahren die Verantwortung zu \u00fcbernehmen haben. Und wir haben es geschafft, uns geht es gut, damit geht es auch dir gut. So wird es auch in Zukunft sein \u2013 was willst du mehr?<\/p>\n<p>Gerd, wenn ich die Zeitungen lese, wenn ich im Internet surfe, und all die schlimmen Nachrichten \u00fcber das lese, was in der Welt passiert, habe ich den Eindruck, dass du \u00abes geht uns gut\u00bb nur f\u00fcr das Geld und einen kleinen Teil der Welt verstehst, wirft Nicole, die Partnerin von Gerd, ein. Angesichts all dieser Nachrichten gef\u00e4llt es mir, wenn in welcher Generation auch immer Menschen W\u00fcnsche haben f\u00fcr die Zukunft, die \u00fcber ihren pers\u00f6nlichen Vorteil hinausgehen.<\/p>\n<p>Gerd sch\u00fcttelt den Kopf, und es scheint, als ziehe er sich aus der Diskussion zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Maxine, fragt Nicole, was l\u00e4uft denn in Eurem Theaterprojekt?<\/p>\n<p>Jemand hat einen Brief gefunden aus dem Buch eines Professors. Den Brief aus dem Jahr 2097 schreibt eine Studentin an ihren Urgrossvater. Ein Absatz daraus ist unser Ausgangspunkt: \u00abKonntest du damals nicht wissen, was auf die Welt zukam \u2013 oder wolltest du es nicht wissen? Hast du deine Augen wie die meisten Menschen vor den Entwicklungen verschlossen, die sich immer deutlicher abzeichneten?\u00bb Diesen fiktiven Blick aus der Zukunft zur\u00fcck in die Gegenwart wollen wir ausbauen. Derzeit sind wir gerade daran, die Personen zu beschreiben, die das Theaterst\u00fcck beleben sollen, etwa Herr oder Frau Zukunft, aber auch Frau oder Herr Vergangenheit. Jemand hat vorgeschlagen, dass Zukunft die Rolle einer \u00e4lteren Person sein soll, daf\u00fcr soll die Vergangenheit von einer j\u00fcngeren Person oder gar einem Kind gespielt werden.<\/p>\n<p>Das \u00fcberrascht mich jetzt, meint Nicole. Wie kommt Ihr auf eine solche Rollenverteilung? Zukunft betrifft doch vor allem die Jugend.<\/p>\n<p>Ein Spruch sagt, dass die Geschichte zeigt, dass die Menschheit aus der Geschichte nichts lernt \u2013 die Vergangenheit passt somit bestens zu einer Person, die j\u00fcnger ist und allenfalls lernt, aber noch wenig Erfahrungen hat. So wie wir es erleben, werden die Meinungen \u00e4lterer Menschen in unserer Gesellschaft st\u00e4rker beachtet als unsere Vorschl\u00e4ge, vielleicht eben, weil die Erfahrung stark gewichtet wird. Wenn sich also \u00e4ltere Menschen Gedanken vor allem zur n\u00e4heren Zukunft machen, kommt dies viel besser an. Beim Theaterst\u00fcck wird es daher darum gehen, wie die W\u00fcnsche f\u00fcr einen langen Blick in die Zukunft eine gute Botschafterin, eine gute Frau Zukunft finden.<\/p>\n<p>Da bin ich gespannt, Maxine. Ich freue mich jetzt schon auf die Einladung zu Eurem Theater!<\/p>\n<p>Gerd steht auf und setzt sich neben Rosanne.<\/p>\n<p>Rosanne, du bist meine Tochter, du bist die Mutter von Maxine. Wie siehst du die Sache? Kann ich mit deiner Unterst\u00fctzung rechnen, oder bist du Fan deiner Tochter?<\/p>\n<p>Rosanne lacht laut heraus, und zieht damit die Aufmerksamkeit der Tischrunde auf sich.<\/p>\n<p>Schiedsrichterin bin ich nicht, ich bin ja auch Mitspielerin bei den Fragen um Vergangenheit und Zukunft. Ich habe einen Vorteil gegen\u00fcber dir: Schon in der Schule und im Studium habe ich von den ersten \u00dcberlegungen geh\u00f6rt, die Maxine jetzt ausgereifter vorgesetzt bekommt. Und seit mindestens einem Jahr ist der Klimaschutz fast t\u00e4glich bei uns am Tisch Gespr\u00e4chsthema.<\/p>\n<p>Los, komm schon, was ist denn deine Meinung?<\/p>\n<p>Ich verstehe sowohl dich wie Maxine. Nur schon wegen Tuvalu wird die Zukunft in die von Maxine gezeigte Richtung gehen m\u00fcssen. Wenn dies so ist, muss auch ich einiges von dem aufgeben, was mir angenehme und willkommene Gewohnheit geworden ist. F\u00fcr dich ist dies wahrscheinlich noch viel schwieriger. Da hat es wie ich dich verstehe viele Dinge dabei, die f\u00fcr dich Lebensqualit\u00e4t darstellen, auch Dinge, die du als Leistung deiner Generation verstehst.<\/p>\n<p>Ja, Mama, genau darum wird es auch in unserem Theater gehen. Wenn ich dir zuh\u00f6re, m\u00fcssen wir dich als Ideengeberin f\u00fcr Frau Zukunft befragen. Frau Zukunft muss n\u00e4mlich vermitteln k\u00f6nnen, dass das Leben auch zuk\u00fcnftig lebenswert ist.<\/p>\n<p>Im Brief der Studentin an ihren Urgrossvater steht am Schluss: \u00abWenn ich vergleiche, wie ihr gelebt habt und wie wir heute leben, so muss ich zugeben: Wir sind materiell nicht mehr so reich, wie ihr es gewesen seid. Wir haben alles, was es braucht, um ein erf\u00fclltes Leben zu f\u00fchren. Wir f\u00fchlen uns wie im Paradies.\u00bb<\/p>\n<p>Gerd schmunzelt. Da scheint mir der Unterschied nicht so gross zu sein. Auch ich finde, wir leben heute in einem Paradies. Maxine, bist du sicher, dass es f\u00fcr dein Paradies reicht, alles mit erneuerbaren Energien zu machen?<\/p>\n<p>Nein, Grandpapa. Es wird noch einiges mehr brauchen. Wenn wir alle es wirklich wollen \u2013 du, ich, wir alle hier am Tisch, alle Menschen in der Stadt, im ganzen Land, auf der Welt \u2013, dann schaffen wir es. Auch wenn wir wissen, dass die nach uns kommenden Generationen einiges zu tun haben werden, damit ein erf\u00fclltes Leben im Paradies auch zuk\u00fcnftig m\u00f6glich sein wird. Wir haben unseren Beitrag zu leisten, damit auch zuk\u00fcnftige Generationen W\u00fcnsche haben k\u00f6nnen, und am Wahrwerden der W\u00fcnsche mitwirken k\u00f6nnen!<\/p>\n<hr>\n<p><em>Maxine zitiert wortw\u00f6rtlich aus dem Buch \u00abKraftwerk Schweiz\u00bb von Anton Gunzinger.<\/em><\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,3],"tags":[7,31],"class_list":["post-216","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","category-weihnachtsgeschichte","tag-weihnachtsgeschichte","tag-weihnachtsgeschichte-2016"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=216"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/216\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}