{"id":200,"date":"2015-12-24T09:22:10","date_gmt":"2015-12-24T08:22:10","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=200"},"modified":"2015-12-24T09:22:10","modified_gmt":"2015-12-24T08:22:10","slug":"mein-wunsch-sei-auch-euer-wunsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2015\/12\/24\/mein-wunsch-sei-auch-euer-wunsch\/","title":{"rendered":"Mein Wunsch sei auch euer Wunsch"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Was meint ihr, was machen wir heute Nachmittag in der Deutschstunde, in der letzten Schulstunde vor dem Wochenende, zwei Wochen vor Weihnachten?<\/p>\n<p>Zwar h\u00f6ren alle die Frage von Kevin, aber niemand mag Antwort geben. Auf einmal wirken die Treppen-stufen h\u00f6her und zahlreicher \u2013 ein weiter Weg bis zum vierten Stock im Hohenb\u00fchl-Schulhaus.<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde sp\u00e4ter. Die Deutschlehrerin Frau Weiras hat die Klasse dazu angehalten, das letzte Kapitel aus einem aktuellen Roman nochmals durchzugehen, und dabei auf W\u00f6rter zu achten, die nicht zur Alltagssprache geh\u00f6ren. Es kommt eine ansehnliche Liste zusammen. Bei einzelnen W\u00f6rtern ergeben sich ausgedehnte Diskussionen, wenn nach der Wortbedeutung und nach m\u00f6glichen Synonymen gesucht wird. <\/p>\n<p>Genug f\u00fcr heute. Und weil in zwei Wochen bereits Weihnachten ist, wollen wir diese Stunde abschliessen mit einer Runde, in der ihr alle euren liebsten Weihnachtswunsch \u00e4ussert. <\/p>\n<p>Frau Weiras, werden Sie ebenfalls von Ihrem Wunsch erz\u00e4hlen?, fragt Kevin.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich, aber erst am Schluss. Und jetzt bitte ich Istvan, seinen gr\u00f6ssten Weihnachtswunsch vorzutragen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte, dass alle das wollen, was ich will.<\/p>\n<p>Stille im Klassenzimmer.<\/p>\n<p>Istvan, haben wir richtig verstanden? Du m\u00f6chtest, dass alle wollen, was du m\u00f6chtest? <\/p>\n<p>Ja.<\/p>\n<p>Ich habe geh\u00f6rt, du seiest der beliebteste Peace-Maker auf dem Pausenplatz, weil du f\u00fcr alle Verst\u00e4ndnis hast, weil du f\u00fcr alle Probleme eine gerechte L\u00f6sung suchst. Ausgerechnet du m\u00f6chtest nun, dass alle das wollen, was du willst?<\/p>\n<p>Er will sicher viel Geld. Oder eine kluge Freundin. Das neueste Handy. Das schnellste Snowboard. <\/p>\n<p>So t\u00f6nt es, manchmal fl\u00fcsternd, manchmal lauter, aus der Klasse.<\/p>\n<p>Frau Weiras, es ist so, aber es ist doch nicht so, wie ihr alle meint. Wenn ich dies aber erkl\u00e4ren soll und nachher alle so lange brauchen, um ihren Wunsch zu erkl\u00e4ren, dann werden wir heute nicht mehr fertig.<\/p>\n<p>Istvan, ich habe einen Vorschlag. Ich meine, dass einiges hinter Deinem Wunsch steckt. Ich schlage vor, dass wir n\u00e4chsten Freitag nochmals \u00fcber W\u00fcnsche sprechen, Ihr alle bringt ein Bild Eures Wunsches mit, ich auch. Istvan, du schreibt einen Aufsatz und wirst uns diesen n\u00e4chsten Freitag vorlesen. Seid Ihr alle einverstanden? Ich h\u00f6re keinen Widerspruch. Dann w\u00fcnsche ich Euch ein sch\u00f6nes Wochenende.<\/p>\n<p>* ***   *****   *** *<\/p>\n<p>Einige haben versucht, von Istvan mehr \u00fcber seinen Wunsch herauszubekommen. Sogar die besten Freunde hat er auf Freitag vertr\u00f6stet. <\/p>\n<p>Als Frau Weiras kurz nach dem L\u00e4uten der Glocke eintritt, sitzen alle bereits auf ihren Pl\u00e4tzen. <\/p>\n<p>Also, Istvan, wir sind alle sehr gespannt, was du uns vorzulesen hast.<\/p>\n<p>Warum ich mir w\u00fcnsche, dass alle wollen, was ich will, beginnt Istvan.<\/p>\n<p>Vor bald zwei Wochen ist in Paris die Weltklima-Konferenz zu Ende gegangen. Meine Mutter arbeitet als Wissenschafterin in diesem Bereich. Somit war diese Konferenz seit Wochen ein Thema bei uns zu Hause. Ich habe sehr viel im Internet gelesen, meine Mutter hat mir einiges erkl\u00e4rt. <\/p>\n<p>An der Konferenz wollten alle Staaten eine gemeinsame L\u00f6sung finden, um den von den Menschen gemachten Klimawandel zu beschr\u00e4nken. Es geht zum Beispiel um Tuvalu, eine Inselgruppe im pazifischen Ozean, fast dreitausend Kilometer n\u00f6rdlich von Neuseeland. Auf Tuvalu wohnen etwa zehntausend Menschen. Weil der h\u00f6chste Punkt von Tuvalu nur f\u00fcnf Meter \u00fcber dem Meeresspiegel liegt, k\u00f6nnte der Klimawandel dazu f\u00fchren, dass Tuvalu nicht mehr bewohnbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich habe im Fernsehen einen Beitrag \u00fcber Tuvalu gesehen. Es gibt eine einfache M\u00f6glichkeit, um mit dieser zuk\u00fcnftigen Ver\u00e4nderung umzugehen. F\u00fcr die zehntausend Menschen von Tuvalu k\u00f6nnte sicher irgendwo auf der Erde ein lebenswerter Ort gefunden werden, wohin alle aus Tuvalu umziehen w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Die Menschen, die heute in Tuvalu wohnen, wollen dies nicht, sie wollen in Tuvalu bleiben. Eine j\u00fcngere Frau aus Tuvalu wurde interviewt, mitten in einer Gruppe von Menschen aus Tuvalu, sie ist Englischlehrerin an einer Schule im Hauptort Funafuti, ich konnte ihren Namen nicht herausfinden. <\/p>\n<p>Sie hat gesagt, wenn die Menschen so rasch als m\u00f6glich auf Kohle, \u00d6l und Erdgas verzichten w\u00fcrden, k\u00f6nnten die Menschen in Tuvalu weiter dort leben. Das w\u00e4re doch eine sch\u00f6ne Aufgabe f\u00fcr die Menschen \u00fcberall in der Welt.<\/p>\n<p>Als die Fernsehreporterin fragte, warum denn sie in Tuvalu bleiben m\u00f6chte, sprudelte es aus der Englischlehrerin heraus. Tuvalu, da sind alle Pl\u00e4tze meiner ersten Liebe, da sind so viele Erinnerungen, da will ich bleiben. Die Fernsehreporterin stellte fest, dass sie sicher neue solche Orte finden werde irgendwo in der Welt. Meine erste Liebe ist immer noch meine Liebe, meinte die Englischlehrerin, mit einem strahlenden Lachen im Gesicht. Alle Menschen um sie herum nickten, begannen ebenfalls zu lachen.<\/p>\n<p>Dieses Lachen hat mich an das Lachen meiner dreij\u00e4hrigen Cousine erinnert, wenn sie zufrieden und gl\u00fccklich ist, weil ich mit ihr spiele. Ich w\u00fcnsche mir, dass die Menschen auf Tuvalu ihr Lachen behalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ganz ruhig ist es im Klassenzimmer, gespannt h\u00f6ren alle dem Bericht von Istvan zu, die einen nachdenklich, andere mit einem Lachen im Gesicht.<\/p>\n<p>Was braucht es, damit die Menschen auf Tuvalu bleiben k\u00f6nnen? Im Interview wurde es gesagt, weg von Kohle, weg von \u00d6l, weg von Erdgas. Aus diesem Interview hat sich f\u00fcr mich eine Aufgabe ergeben. Ich wollte wissen, ob dies \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. An vielen Orten wird mit \u00d6l und Gas geheizt, nicht nur in Deutschland wird Kohle gebraucht, um Strom zu produzieren, die meisten Autos werden von Benzin- oder Dieselmotoren angetrieben. Ich habe im Internet viele Berichte gefunden, in denen steht, dass ein Verzicht auf Kohle, \u00d6l und Erdgas bis zum Jahr 2050 m\u00f6glich ist. Immer steht dabei die Anmerkungen \u00abwenn wir dies wirklich wollen\u00bb. Das ist es, was ich will. Das ist es, was ich will, dass dies alle wollen.<\/p>\n<p>Etwas ist mir noch aufgefallen bei meiner Suche im Internet. Ich habe viele Bilder von Menschen gesehen, die an diesen Berichten gearbeitet haben. Und viele dieser Menschen haben sich in diesen Bildern mit lachenden Gesichtern gezeigt, so wie meine kleine Cousine, so wie die Englischlehrerin von Tuvalu. <\/p>\n<p>Ich habe immer wieder meine Mutter gefragt, was sie zu diesen Berichten sagt. Mit einem Lachen hat auch sie best\u00e4tigt, dass eine Welt ohne Kohle, \u00d6l und Erdgas m\u00f6glich ist, wenn wir, wenn die Menschen dies wollen.<\/p>\n<p>Die Menschen, die all diese Berichte geschrieben haben, sind \u00fcberzeugt davon, dass eine solche Welt eine bessere Welt w\u00e4re. Lebenswerte St\u00e4dte und D\u00f6rfer mit sauberer Luft und weniger L\u00e4rm, viele Jobm\u00f6glichkeiten, mehr Schutz f\u00fcr nat\u00fcrliche Lebensr\u00e4ume, ges\u00fcndere und zufriedenere Kinder, so k\u00f6nnte diese Welt aussehen. Aus den meisten dieser Berichte geht hervor, dass es auch eine Welt ohne Atomkraftwerke w\u00e4re.<\/p>\n<p>All dies ist doch eigentlich das, was wir alle m\u00f6chten \u2013 darum ist es mein Wunsch, dass alle wollen, was ich will. <\/p>\n<p>Ich will etwas tun daf\u00fcr. Ich habe mir auch bereits ein Zeichen daf\u00fcr ausgedacht.<\/p>\n<p>Istvan steht auf, geht zur Tafel, nimmt eine Kreide zur Hand und schreibt drei W\u00f6rter \u2013 \u00abJe suis Tuvaluan\u00bb &#8211; und bleibt daneben stehen. <\/p>\n<p>Es ist ganz still im Klassenzimmer. Bente, sie sitzt ganz hinten im Zimmer, steht auf, geht nach vorne zur Tafel, malt einen Smiley neben die W\u00f6rter von Istvan, und bleibt ebenfalls stehen. <\/p>\n<p>Nach und nach kommen alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Klasse nach vorn, einige schreiben ihren Namen auf die Tafel, es gibt weitere Smileys, wieder andere halten ein JA! oder ein OK fest. Auch Frau Weiras reiht sich ein.<\/p>\n<p>Frau Weiras ist die erste, die wieder Worte findet. <\/p>\n<p>Istvan, ich bin beeindruckt von deinem Wunsch, und ich verstehe ihn jetzt. Ich habe mein Einverst\u00e4ndnis auf der Wandtafel festgehalten, wie ihr alle auch. Wenn viele Menschen von diesem Wunsch erfahren, wenn sie zu wissen bekommen, was sie zu wollen haben, dann bin ich zuversichtlich, dass wir es schaffen.<\/p>\n<p>Frohe Weihnachten w\u00fcnsche ich euch allen und ein gutes Neues Jahr \u2013 ein Jahr, um diesem Wunsch n\u00e4herzukommen.<\/p>\n<p>Alle klatschen, sch\u00fctteln sich zum Abschied die H\u00e4nde oder umarmen sich kurz. <\/p>\n<p>Als letzter verl\u00e4sst Kevin den Raum. \u00abBitte nicht reinigen!\u00bb hat er kurz vorher in die rechte obere Ecke der Tafel geschrieben.<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3],"tags":[7,30],"class_list":["post-200","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-weihnachtsgeschichte","tag-weihnachtsgeschichte","tag-weihnachtsgeschichte-2015"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=200"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/200\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}