{"id":192,"date":"2014-12-24T14:58:41","date_gmt":"2014-12-24T13:58:41","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=192"},"modified":"2014-12-24T14:58:41","modified_gmt":"2014-12-24T13:58:41","slug":"eines-abends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2014\/12\/24\/eines-abends\/","title":{"rendered":"Eines Abends"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit bald hundert Jahren wurde am letzten Adventssonntag im Musiksaal des Gymnasiums \u00fcber dem Stadtquartier Vordemberg mit viel Erfolg die Weihnachtsgeschichte gegeben. <\/p>\n<p>Der Vorhang schloss sich hinter der zweiten Szene des traditionellen Krippenspiels. Der Gastwirt wollte Maria und Joseph und Maria keine \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit bieten, und wie immer nahmen ihm die Zuschauerinnen und Zuschauer seine Argumente nicht ab. <\/p>\n<p>Jetzt stellten sich links und rechts der B\u00fchne die dunkel gekleideten S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger der vereinigten kirchlichen und weltlichen Ch\u00f6re aus dem Stadtteil auf. Am Schluss der n\u00e4chsten Szene mit den Hirten auf dem Feld w\u00fcrde dieser Chor zusammen mit den himmlischen Engelscharen \u00fcber Friede und Freude singen.<\/p>\n<p>Von hinten waren aus dem K\u00fcchenanbau gesch\u00e4ftiges Klimpern mit Tellern und Besteck zu h\u00f6ren, die letzten Vorbereitungsarbeiten f\u00fcr die Weihnachtssuppe, die nach dem Schlussapplaus ausgegeben wurde.<\/p>\n<p>Hinter dem Vorhang wurde es pl\u00f6tzlich sehr laut, das Gemurmel im Saal verstummte. Da wurde offenbar heftig gestritten auf und hinter der B\u00fchne. W\u00e4hrend der Streit auf der andern Seite des Vorgangs andauerte, setzten auch im Saal die leisen Gespr\u00e4che wieder ein. Sie wurden, je l\u00e4nger die unerwartete Pause dauerte, lauter und lauter.<\/p>\n<p>Ein einzelner Scheinwerfer leuchtete auf, zeichnete einen hellen Kreis auf den Vorhang. Jemand trat durch den Spalt im Vorhang in den Lichtschein.<\/p>\n<p>Hochverehrtes Publikum. <\/p>\n<p>Der L\u00e4rm im Saal ebbte ab. <\/p>\n<p>Hochverehrtes Publikum. Ich bin die Regisseurin dieses Krippenspiels. Es haben sich unerwartete Schwierigkeiten ergeben. Wir haben aktuell die Situation, dass wir zwei Hauptengel hinter der B\u00fchne haben. Der eine behauptet, der richtige zu sein, der andere gibt vor, der echte zu sein. Beide zusammen, das geht nicht, weil jeder einen anderen Text vor sich hat. Der echte Hauptengel will zudem, dass das Krippenspiel draussen im Bergpark weiter geht. Sie m\u00fcssen nun entscheiden, wie es weitergehen soll. Ich warte hier, bis der Saal seine Meinung gebildet hat. \u00dcbrigens: draussen schneit es derzeit ganz leicht.<\/p>\n<p>Unterdessen war es etwas heller geworden im Saal. Blinzelnd sahen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer im Saal um. Sie wirkten \u00fcberrascht. Statt einfach nur sitzen und geniessen zu k\u00f6nnen, mussten sie sich \u00fcber den weiteren Verlauf verst\u00e4ndigen, im Wissen darum, dass der eine m\u00f6gliche Fortsetzungspfad nach draussen in K\u00e4lte, N\u00e4sse und Dunkelheit f\u00fchren w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Das waren Witzbolde, diese zwei Hauptengel, der eine der richtige, der andere der echte. <\/p>\n<p>Immer mehr Menschen im Saal standen auf, formierten sich zu Gr\u00fcppchen und Gruppen. Immer intensiver wurde diskutiert. Am lautesten waren jene Stimmen, die f\u00fcr eine Fortsetzung im Saal pl\u00e4dierten. <\/p>\n<p>Da wissen wir, was auf uns zukommt, wir kennen den Text auswendig, weil viele von uns schon einmal mitgespielt haben. Und hier drin ist es sicher gem\u00fctlicher als draussen im Schneetreiben.<\/p>\n<p>Weil wir das, was hier im Saal ablaufen w\u00fcrde, bereits kennen, k\u00f6nnen wir uns f\u00fcr ein Mal auch auf etwas anderes einlassen, auf eine uns nicht bekannte Weiterentwicklung. Und auch die Hirten auf dem Felde waren damals draussen, dem Wetter ausgesetzt, das k\u00f6nnen wir sicher f\u00fcr eine kurze Weile auf uns nehmen.<\/p>\n<p>Dieser andere Engel, auch wenn es der echte ist, wird uns sicher ins Gewissen reden, dass wir uns \u00e4ndern m\u00fcssten. So kurz vor Weihnachten passt mir das gar nicht. <\/p>\n<p>H\u00e4tte denn der echte Engel gute Gr\u00fcnde, Dir ins Gewissen zu reden? Dann w\u00e4re es aber umso dringender, dass wir nach draussen gehen.<\/p>\n<p>Die zu Beginn lauten Stimmen wurden immer leiser und weniger. Und schon begannen die ersten, den Saal zu verlassen. <\/p>\n<p>Hochverehrtes Publikum. Die Meinungen sind gemacht. Draussen stehen Hirten, die den Weg zum Bergpark kennen. <\/p>\n<p>Damit schloss sich auch die Regisseurin jenen an, die aus dem Saal str\u00f6mten. Der Scheinwerfer erlosch.<\/p>\n<p>Auf der grossen Wiese im Bergpark weideten seit einigen Tagen eine Herde Schafe und zwei Esel, umkreist von aufmerksamen Hunden. Unter den B\u00e4umen am Rand der Wiese stand der Wagen, in dem die Hirten-Familie wohnte. In der N\u00e4he glomm ein Holzfeuer. <\/p>\n<p>Durch die Hirten geleitet, versammelten sich die Zuschauerinnen und Zuschauer des Krippenspiels in der N\u00e4he der Schafweide. Ganz ruhig war es, hie und da ein gefl\u00fcstertes Wort, dann und wann ein helles Klingen der Gl\u00f6cklein, die einige Schafe um den Hals trugen.<\/p>\n<p>Da trat der echte Engel zu ihnen, helles, blendendes Licht erstrahlte, die Menschen erschraken, sie wirkten \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>F\u00fcrchtet Euch nicht! Dies sagte ich auch schon vor mehr als zweitausendundein Jahren, in einer dunklen Nacht, einer Nacht wie dieser, auf den Feldern vor den Toren Bethlehems. Ich w\u00fcnschte allen Menschen guten Willens Friede und Freude, ich verk\u00fcndete, dass der K\u00f6nig des Friedens und der Freude in die Welt gekommen sei.<\/p>\n<p>Ich frage Euch, fragt Euch selbst: Sind denn Friede und Freude in der Welt? Was ist da schief gelaufen? Viele von Euch sch\u00fctteln den Kopf, ich sehe fragende Gesichter. <\/p>\n<p>Der K\u00f6nig des Friedens und der Freude ist in die Welt gekommen, seither hat es viele Botschafterinnen und Botschafter des Friedens und der Freude gegeben, echte, richtige, manchmal auch falsche und eigenn\u00fctzige. Bedenkt dabei, Friede und Freude passieren nicht einfach, Frieden und Freude werden nicht durch den K\u00f6nig, werden nicht durch Botschafterinnen und Botschafter gemacht. Damit Frieden und Freude gelingen, braucht es den Beitrag jedes Menschen, je nach den M\u00f6glichkeiten, mal kleiner, mal gr\u00f6sser. Zuviel ist dabei nicht m\u00f6glich! Es braucht, und dies hiess es schon damals in meiner Botschaft, die Mitwirkung der Menschen guten Willens, jeden Tag, bei all dem, was diese Menschen denken und tun. Manchmal braucht es dazu auch das Undenkbare, das Unm\u00f6gliche. Friede und Freude allen Menschen guten Willens. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Ansprache des echten Hauptengels wurde das Licht noch blendender. Die Luft war von zuerst leisen, dann immer lauter werdenden Ges\u00e4ngen erf\u00fcllt, die vom Frieden und der Freude Kunde gaben. Nach einer Weile entfernte sich der Hauptengel aus dem Kreis, verschwand aus dem Gesichtsfeld, das Licht erlosch, die Ges\u00e4nge klangen aus. Ganz ruhig wurde es, hie und da ein gefl\u00fcstertes Wort, dann und wann ein helles Klingen der Gl\u00f6cklein, die einige Schafe um den Hals trugen.<\/p>\n<p>Die Menschen zogen ohne Eile zur\u00fcck in den Musiksaal. Das Krippenspiel nahm den \u00fcblichen Lauf. Nach der Weihnachtssuppe sassen die Menschen noch lange zusammen, die einen ruhig und nachdenklich, andere im Zweifel dar\u00fcber, was sie von der Botschaft des echten Hauptengels halten sollten, wieder andere vertieft darin, wie sie diese Botschaft in die Welt tragen konnten. Kurz nach Mitternacht erlosch das letzte Licht im Musiksaal oben in Vordemberg.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag berichteten die Medien \u00fcber das Krippenspiel. In den Kommentaren wurde auch dar\u00fcber spekuliert, ob allenfalls auch der echte Hauptengel bloss eine Inszenierung war. Vor Jahren bereits hatte n\u00e4mlich die Regisseurin in einem Interview berichtet, dass ihr angesichts der allt\u00e4glichen Realit\u00e4t die sch\u00f6nen Worte von Frieden und Freude im Hals stecken blieben. Die Berichte und Kommentare stimmten alle \u00fcberein, dass unabh\u00e4ngig vom Hintergrund die Botschaft des Hauptengels richtig und echt war: Friede und Freude braucht die t\u00e4tige Mitwirkung aller!<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[29,7],"class_list":["post-192","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-29","tag-weihnachtsgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/192","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=192"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/192\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=192"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=192"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=192"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}