{"id":176,"date":"2014-01-02T11:52:11","date_gmt":"2014-01-02T10:52:11","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=176"},"modified":"2014-01-02T11:52:11","modified_gmt":"2014-01-02T10:52:11","slug":"von-eseln-und-holzfaellern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2014\/01\/02\/von-eseln-und-holzfaellern\/","title":{"rendered":"Von Eseln und Holzf\u00e4llern"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Ninolo, welche Vors\u00e4tze hast Du Dir f\u00fcr das neue Jahr vorgenommen?<\/p>\n<p>Ninolo ist Geschichtenerz\u00e4hler. Seit dem Sommer ist er fast jeden Tag auf einem der ruhigsten Pl\u00e4tze der Stadt anzutreffen, wo er  Geschichten erz\u00e4hlt. Laufend wurde der Kreis der Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer immer gr\u00f6sser. Seit Ninolo f\u00fcr einen Beitrag in der gr\u00f6ssten Tageszeitung der Stadt befragt worden war, kamen noch mehr Menschen auf den ruhigen Platz. <\/p>\n<p>Ein Geschichtenerz\u00e4hler in der heutigen Zeit? Gratiszeitungen, Internet, Radio, Fernsehen \u2013 die Menschen waren bestens informiert \u00fcber all das, was in der Welt gerade geschah. Und doch standen Menschen Tag f\u00fcr Tag in kleineren und gr\u00f6sseren Kreisen um Ninolo herum, h\u00f6rten gespannt zu, zehn Minuten, eine Viertelstunden, manche auch eine halbe Stunde oder mehr, obwohl immer wieder gesagt wurde, Zeit sei Geld.<\/p>\n<p>Ninolo war von der Interviewerin gefragt worden, warum er so erfolgreich sei als Geschichtenerz\u00e4hler, als einziger und erster Geschichtenerz\u00e4hler in der Stadt. Die Antwort von Ninolo war auch schon fast wieder eine Geschichte. Ninolo erz\u00e4hlte aus der Familiengeschichte, erz\u00e4hlte von Vorfahren aus dem f\u00fcnfzehnten Jahrhundert, die von Stadt zu Stadt zogen und die Menschen \u00fcber das damalige Zeitgeschehen informierten, immer durchflochten von Geschichten. Er habe diese Tradition wieder beleben wollen, im Wissen um die seither eingetretenen Ver\u00e4nderungen. Von Generation zu Generation der Geschichtenerz\u00e4hlerInnen sei eine einfache Regel weitergegeben worden: Du kannst erz\u00e4hlen, was Du willst, aber es muss unterhaltsam sein. Nun, an diese jahrhundertealte Empfehlung halte er sich, und es freue ihn, wenn sich dieses Rezept auch heute noch bew\u00e4hre.<\/p>\n<p>Ich habe Deine Frage nicht gut geh\u00f6rt, kannst Du sie bitte nochmals wiederholen?<\/p>\n<p>Gerne, Ninolo. Also, welche Vors\u00e4tze hast Du Dir f\u00fcr das neue Jahr vorgenommen?<\/p>\n<p>Danke, Martin, f\u00fcr Deine Frage. Wie jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, Euch noch besser zu unterhalten.<\/p>\n<p>Und das ist alles? <\/p>\n<p>Ja, braucht es denn noch mehr?<\/p>\n<p>Die Runde schmunzelt. Einerseits \u00fcber die offensichtliche Entt\u00e4uschung, die aus der Nachfrage von Martin herauszuh\u00f6ren war, andererseits dar\u00fcber, dass sich Ninolo nicht provozieren liess.<\/p>\n<p>Martin, ich sehe Dir an, dass Du nicht zufrieden bist mit meiner Antwort. Dann will ich Dich noch ein bisschen unterhalten. Du hast sicher erwartet, dass in meiner Geschichtenkiste etwas liegt, dass Dir bei der Suche nach guten Vors\u00e4tzen weiterhilft. <\/p>\n<p>Genau so ist, sagt Martin, und nickt dazu.<\/p>\n<p>Vors\u00e4tze zielen ja darauf ab, dass Menschen sich klug entscheiden und klug verhalten wollen. Da k\u00f6nnen die Geschichtenerz\u00e4hler tats\u00e4chlich einiges bieten. <\/p>\n<p>Ihr kennt sie sicher, die Geschichte, die ich Euch erz\u00e4hlen werde, und sie wird in der ganzen Welt seit grauen Vorzeiten erz\u00e4hlt. Ein Bauer und sein Sohn gingen auf den Viehmarkt, um sich einen Esel zu kaufen. Hodscha &#8211; so nennt eine der h\u00e4ufig erz\u00e4hlten Varianten den Vater \u2013 und sein Sohn machten sich nach dem erfolgreichen Abschluss des Handels zusammen mit dem Esel auf den Heimweg, jeder auf seinen F\u00fcssen. Einer aus ihrem Dorf, der ihnen entgegenkam, lachte sie aus. Da habt Ihr einen Esel, und keiner von Euch reitet darauf? Die beiden w\u00fcnschten dem Nachbarn einen sch\u00f6nen Tag. Weil Hodscha das Gehen gefiel, setzte sich der Sohn auf den Esel. Nur kurze Zeit darauf kam ihnen der n\u00e4chste Nachbar entgegen. Dieser schimpfte mit dem Sohn, weil er doch den \u00e4lteren Vater reiten lassen solle. Aufgrund dieser Vorhaltungen wechselten also Vater und Sohn den Platz. Kurz darauf kam ihnen ein Fremder  entgegen, schimpfte auf den Vater ein, was dieser doch f\u00fcr ein Rohling sei, seinen schw\u00e4chlichen Sohn neben dem Esel herlaufen zu lassen, w\u00e4hrend er als kr\u00e4ftiger Vater auf dem Esel sitze. Bevor sich Hodscha f\u00fcr das Kompliment bedanken konnte, war der Fremde kopfsch\u00fcttelnd weitergezogen. Nach einer kurzen Beratungsrunde setzten sich nun beide auf den Esel, und dieser trottete mit dieser Last Schritt f\u00fcr Schritt voran. Es wird Euch nicht \u00fcberraschen, aber kurz darauf kam wieder ein Reisender des Weges, sch\u00fcttelte bedenklich den Kopf, bevor er schimpfend Vater und Sohn anklagte, diesen schw\u00e4chlichen Esel zu sehr mit ihrem Gewicht zu belasten. Auch er zog weiter seines Weges. Nun entschlossen sich Vater und Sohn, den Esel an eine Stange zu binden und ihn dann nach Hause zu tragen. Sie schulterten also das rund zweihundert Kilogramm schwere Tier f\u00fcr das letzte St\u00fcck des Heimweges. Weil es jetzt schon etwas sp\u00e4ter war, kam ihnen niemand mehr entgegen, und es \u00fcberholte sie auch niemand, um verbunden mit einer neuen Schimpftirade weitere Varianten vorzuschlagen. <\/p>\n<p>Einer meiner Vorfahren hat sich an dieser Stelle jeweils gefragt, warum eigentlich der Esel, einer der Hauptbeteiligten, nichts zu dieser Geschichte zu sagen hat. In seinen Vorstellungen hat sich an dieser Stelle der Esel gemeldet. Insbesondere hat er sich \u00fcber die unbequeme Lage beschwert. Es w\u00e4re besser, Vater und Sohn w\u00fcrden ihn wieder losbinden und ihn frei laufen lassen. Er werde ihnen hinten nach laufen und hin und wieder ein Kr\u00e4utlein, welches er besonders sch\u00e4tze, ausrupfen. Und er bitte sie, einmal im Monat, am besten in einer Vollmondnacht, die T\u00fcr zu seinem Stall offen zu lassen und ihn nicht anzubinden. Wenn er es recht habe bei ihnen, werde er am Morgen wieder im Stall stehen. Da Esel bekanntlich nicht reden k\u00f6nnen, hat leider diese Erweiterung, auch wenn sie noch so gut erfunden ist, in dieser Geschichte leider keinen Stammplatz erhalten. Darum geht es jetzt original weiter.<\/p>\n<p>Erst als Vater und Sohn nach langer Zeit ziemlich ersch\u00f6pft zu Hause ankamen, holten sie die guten Ratschl\u00e4ge wieder ein. Die Ehefrau von Hodscha &#8211; von ihr ist kein Vorname \u00fcberliefert \u2013 sch\u00fcttelte ebenfalls den Kopf, schimpfte immerhin nicht, weil ihr der neue Esel gefiel und einiges an Arbeitserleichterung versprach. Sie fragte allerdings eher ungehalten, warum denn Vater und Sohn den Esel nicht selber zu seinem neuen Stall laufen liessen. Als dann Hodscha und der Sohn abwechslungsweise vom Heimweg berichteten, sch\u00fcttelte sie hin und wieder den Kopf, wusste aber nicht, ob sie sich mehr \u00fcber ihren Mann und ihren Sohn oder \u00fcber all die ratgebenden Reisenden aufregen sollte.<\/p>\n<p>In Wikipedia ist die Erz\u00e4hlung vom Heimweg mit dem Esel als Beispiel f\u00fcr ein Polylemma zu finden. Damit sind Situationen gemeint, bei denen aus mehr als zwei M\u00f6glichkeiten ausgew\u00e4hlt werden kann, wobei keine der L\u00f6sungen schlechter oder besser als die andere ist.  Da bringen auch Empfehlungen von aussen keine wirkliche Verbesserung. Und genau darum will ich Euch mit meinen Geschichten in erster Linie unterhalten. Wenn Ihr als meine Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer daraus f\u00fcr Euch Lehren ziehen wollt, wenn Ihr daraus Vors\u00e4tze ableitet, dann ist das Euere Sache.<\/p>\n<p>Die Runde murmelt Zustimmung. <\/p>\n<p>Fabienne meldet sich. Da gibt es doch aber die Geschichte mit dem Holzf\u00e4ller mit der stumpfen S\u00e4ge, da w\u00fcrdest doch auch Du eine Empfehlung abgeben wollen.<\/p>\n<p>Fabienne, f\u00fcr alle, die die Geschichte mit dem Holzf\u00e4ller nicht kennen, \u00fcbernehme ich hier. <\/p>\n<p>Da ging einer an einem kalten Wintertag im Wald spazieren. Er kam an einer kleinen Lichtung vorbei. Ein Holzf\u00e4ller war an der Arbeit. Der Spazierg\u00e4nger schaute eine Weile zu. Dabei stellte er fest, dass die S\u00e4ge stumpf war, die Arbeit also nicht so gut vorankam. Guter Mann, setzte er an, als der Holzf\u00e4ller kurz verschnaufte, guter Mann, Ihre S\u00e4ge ist v\u00f6llig stumpf, Sie sollten Ihre S\u00e4ge so rasch als m\u00f6glich sch\u00e4rfen. Der Mann schaute kurz auf, st\u00f6hnte dann, dass er dazu keine Zeit habe, weil er S\u00e4gen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Gel\u00e4chter  brandet auf in der Runde der Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer, die einen sch\u00fcttelten den Kopf, die andern schienen dem Ratschlag des Spazierg\u00e4ngers zuzustimmen.<\/p>\n<p>Ninolo erhob wieder die Stimme. In den Lehrb\u00fcchern \u00fcber Effizienz ist an dieser Stelle die Geschichte zu Ende. Wir Geschichtenerz\u00e4hler haben etwas weitergeforscht und dabei das Ende der Geschichte herausgefunden, vielleicht haben wir ja auch, was wir hin und wieder tun, dieses Ende erfunden. <\/p>\n<p>Eine halbe Stunde, nachdem der Spazierg\u00e4nger kopfsch\u00fcttelnd weitergezogen war, fuhren vier Polizeifahrzeuge mit Blaulicht in den Wald. Zehn Polizisten umringten den Holzf\u00e4ller. Dieser liess sich ohne Gegenwehr festnehmen. Die Polizisten er\u00f6ffneten dem Holzf\u00e4ller, er sei verhaftet, weil er die B\u00e4ume ohne Bewilligung f\u00e4lle. Bei den sp\u00e4teren Abkl\u00e4rungen ergab sich, dass der Mann von seinem Vorgesetzten beauftragt worden war, so schnell als m\u00f6glich die B\u00e4ume zu f\u00e4llen, um den Bauplatz f\u00fcr eine gr\u00f6ssere Wohn\u00fcberbauung vorzubereiten.  Was der Auftraggeber verschwieg, und was der Holzf\u00e4ller aufgrund der Berichterstattung in den Zeitungen vermutete: das Bauvorhaben war wegen eines Rechtsverfahrens blockiert, es durfte also noch nicht mit Bauen begonnen werden. Mit seiner stumpfen, nicht effizienten S\u00e4gerei sorgte der Holzf\u00e4ller also f\u00fcr Aufmerksamkeit, die die Polizei auf den Platz rief, ohne aber zu viel Schaden am Baubestand anzurichten. Deshalb beliessen es die Beh\u00f6rden bei einer Ermahnung des Auftraggebers. W\u00e4re der Holzf\u00e4ller schneller vorangekommen, h\u00e4tte es eine empfindliche Busse gegeben. Daraus meine Schlussfolgerung: wer andern einen Rat gibt, sollte die ganze Geschichte kennen.<\/p>\n<p>Fabienne meldet sich wieder.  Danke f\u00fcr diese Empfehlung, die eigentlich auch schon wieder ein Vorsatz sein k\u00f6nnte! Ich wollte mich zuerst beschweren, dass Deine Geschichten von Eseln und Holzf\u00e4llern handeln, also von Dingen, die mit dem Alltag der meisten Menschen nichts bis wenig zu tun haben. Aber ob Esel oder Computer, der Umgang mit Aufgaben, die viele Facetten haben, ist uralt, und es gibt keinen einzig richtigen Weg im Umgang mit solchen Polylemmata, und darum auch keine einfachen L\u00f6sungen, keine schnellen Vors\u00e4tze.<\/p>\n<p>Damit, meinte Ninolo abschliessend, hast Du den Schlusspunkt hinter diese Geschichte gesetzt. <\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2],"tags":[21,18,22,23,24],"class_list":["post-176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-geschichte","tag-esel","tag-geschichte","tag-holzfaeller","tag-polylemma","tag-vorsaetze"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=176"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}