{"id":161,"date":"2013-08-23T19:02:51","date_gmt":"2013-08-23T17:02:51","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=161"},"modified":"2013-08-23T19:02:51","modified_gmt":"2013-08-23T17:02:51","slug":"die-reise-nach-nirgendwo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2013\/08\/23\/die-reise-nach-nirgendwo\/","title":{"rendered":"Die Reise nach nirgendwo"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltig \u00f6ffnet Emilio das Paket, welches der Kurier an der Wohnungst\u00fcr abgeliefert hat. Das musste das Buch mit dem Bericht \u00fcber seine seit langer Zeit gew\u00fcnschte Reise nach Spitzbergen sein. Noch eingeschlagen in feines Seidenpapier liegt das Buch in seinen H\u00e4nden, es f\u00fchlt sich gut an, ein richtig gewichtiges Buch in einem grossz\u00fcgigen Format. <\/p>\n<p>In der Schachtel liegt noch ein Umschlag mit dem Aufdruck &#171;Ludwig Gelbsand, Entw\u00fcnscher&#187;. Da musste noch die Schlussabrechnung drin sein mit dem Einzahlungsschein f\u00fcr die letzte Tranche der Reisekosten. Das Buch geh\u00f6rte selbstverst\u00e4ndlich mit dazu. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend Emilio daran geht, die Kleber des Seidenpapiers sorgf\u00e4ltig zu entfernen, erinnert er sich an seinen ersten Kontakt mit Herrn Gelbsand und an seinen Werbespruch &#171;Ich erf\u00fclle Ihre Reisew\u00fcnsche!&#187;. Eine gute Sache: Herr Gelbsand \u00fcbernahm es, die Wunschreise durchzuf\u00fchren, und einen ausf\u00fchrlichen Bericht dazu abzuliefern. Die Sache war nicht billig, aber das geh\u00f6rte ja bei vielen W\u00fcnschen dazu. Und zudem konnte er in dieser Zeit trotzdem der Arbeit nachgehen.<\/p>\n<p>Endlich liegt das Buch vor ihm auf dem Tisch. Auf dem Umschlag prangt ein grandioses Bild mit den Spitzbergen, wahrscheinlich vom Schiff aus aufgenommen. Ungeduldig \u00f6ffnet Emilio das Buch, und traut seinen Augen nicht. Auf dem Innenblatt folgt der Titel: &#171;Spitzbergen &#8211; Sommer 2013. Reisetagebuch von &#171;. Nein, eben nicht &#171;Emilio&#187;, sondern &#171;Romana&#187;. Auch die Schlussrechnung liess keinen Zweifel daran: Herr Gelbsand hatte ihn betrogen, er hatte seine Wunschreise nicht nur f\u00fcr ihn allein, sondern noch f\u00fcr eine weitere Person gemacht &#8211; und daf\u00fcr nochmals kassiert. Trotzdem bl\u00e4ttert Emilio weiter durch das Buch. Eine spannende Reise, bestens dokumentiert. Reisedokumente, Hotelquittungen und Restaurantrechnungen, auf den Namen von Romana ausgestellt, erg\u00e4nzen die vielf\u00e4ltigen Bilder und den gut geschriebenen Reisebericht. Wirklich eine gute Sache, diese Wunschreise.<\/p>\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter beugt sich Einzelrichterin Christina U. \u00fcber die Inhalte von drei Mappen mit identischen Anzeigen von drei Personen, die sich betrogen f\u00fchlten. Der T\u00e4ter best\u00e4tigte den Sachverhalt, also eigentlich eine einfache Sache. Die Story dahinter war allerdings geradezu am\u00fcsant, eine aus der Rubrik &#171;Und wenn es nicht wahr ist, ist die Geschichte wenigstens gut erfunden&#187;. Der T\u00e4ter hatte drei Menschen gefunden, denen er versprach, f\u00fcr sie ihre Wunschreise auszuf\u00fchren. Alle drei hatten als Reiseziel Spitzbergen angegeben, sie waren davon ausgegangen, dass der T\u00e4ter als ihr Wunschausf\u00fchrer f\u00fcr sie als Individualreisender unterwegs war. Und die drei Wunschreisenden hatten entsprechende Anzahlungen geleistet. Aufgeflogen war der Betrug, als der T\u00e4ter die professionell gemachten Reisetageb\u00fccher an die falschen Adressen geschickt hatte. Nur: der T\u00e4ter bestritt jede Betrugsabsicht. Er habe nie gesagt, dass er die Reisew\u00fcnsche einzeln erf\u00fclle, er habe nur eine Dokumentation \u00fcber die Reise zugesagt, und das habe er gemacht. Und er meine, dass diese Reisedokumentation so viel Wert habe, wie seine Kundinnen und Kunden daf\u00fcr bezahlen m\u00fcssten. Und als Beleg hatte der T\u00e4ter ein Exemplar des Reisetagebuches beigelegt. <\/p>\n<p>Christina \u00f6ffnet das Buch, bl\u00e4ttert darin, bestaunt die Bilder, liest mit Interesse die Beschreibungen von Reiserouten und \u00d6rtlichkeiten. Welcher Zufall, Spitzbergen, das ist auch einer der Orte auf ihrer Wunschreiseliste. Nach einer Weile lehnt sie sich im Stuhl zur\u00fcck, sinnt \u00fcber ihre Reisew\u00fcnsche, hin und wieder gebremst durch Gedanken zur bevorstehenden Verhandlung.<\/p>\n<p>Nochmals drei Wochen sp\u00e4ter. Die Klagenden und der Beklagte im Spitzenbergen-Reisetagebuch-Fall treffen sich im Sitzungszimmer der Einzelrichterin. Christina U. ist zum Schluss gekommen, dass sie zuerst  mit allen Beteiligten sprechen m\u00f6chte. H\u00e4tte Herr Gelbsand beim Einpacken besser aufgepasst, w\u00e4re die Angelegenheit nie bei ihr gelandet &#8211; und die Wunschreisenden w\u00e4ren gl\u00fccklich und zufrieden. Sie w\u00fcrden voll Stolz all ihren Freunden und Bekannten das Reisetagebuch zeigen, und diese w\u00fcrden sich Gedanken dar\u00fcber machen, ob Spitzbergen als Reiseziel in Frage kommen k\u00f6nnte. Sicher, weil Herr Gelbsand die gleiche Reise drei Mal verkaufen konnte, hatte er sicher gut verdient bei diesem Gesch\u00e4ft. Andererseits waren Menschen, die sich von andern ihre W\u00fcnsche erf\u00fcllen lassen wollten, eigentlich selber schuld, wenn sie sich in dieser Geschichte betrogen vorkamen. Christina U. wollte bei diesem Gespr\u00e4ch erreichen, dass die Anzeigen gegen Herr Gelbsand zur\u00fcckgezogen wurden.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde ist es soweit. Alle Beteiligten haben sich auf das von Christina U. vorgeschlagene Vorgehen geeinigt. Herr Gelbsand wird einen Drittel des Vorschusses zur\u00fcckzahlen, die drei Klagenden erhalten die B\u00fccher mit ihrem Namen, und alle unterschreiben eine Vereinbarung, dass damit die Sache erledigt sei. Nach der Unterschriften-Prozedur fragt Christina nach, ob jetzt bez\u00fcglich Spitzbergen alle wunschlos gl\u00fccklich seien. Niemand antwortet. Sie sieht nur Kopfsch\u00fctteln, und in den Gesichtern liest sie einerseits Belustigung, andererseits Bedauern.<\/p>\n<p>Herr Gelbsand, bleiben Sie noch, ich brauche von Ihnen noch eine Unterschrift. <\/p>\n<p>Die drei Wunschreisenden haben das Sitzungszimmer verlassen, Christina U. schliesst die T\u00fcre. Sie legt Herrn Gelbsand das Einvernahmeprotokoll vor, wo noch seine Unterschrift fehlt. So, dann k\u00f6nnen wir diese Geschichte abschliessen.<\/p>\n<p>Nun, ich gehe davon aus, dass Sie mir nicht sagen werden, wie vielen Menschen Sie dieses Buch bereits verkauft haben. Es ist ein gutes Buch, und Ihre Kundinnen und Kunden haben genau das erhalten, was Sie ihnen versprochen haben. <\/p>\n<p>Sie schweigt eine Weile, Herr Gelbsand rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her, da musste noch mehr kommen. <\/p>\n<p>Herr Gelbsand, Sie waren noch nie in Spitzenbergen. Protest ist sinnlos, ich habe sehr viele der Bilder in Ihren B\u00fcchern im Internet gefunden, auf Internet-Seiten von Menschen, die tats\u00e4chlich auf Spitzbergen waren. Eines der Bilder haben Sie spiegelverkehrt ins Buch getan. Ihr Gesch\u00e4ftsmodell ist sicher kein schlechter Lebensunterhalt, aber mir gef\u00e4llt es trotzdem nicht, auch wenn es legal ist.<\/p>\n<p>Ludwig Gelbsand streckt sich, setzt zum Sprechen an. <\/p>\n<p>Ja, Sie haben recht, ich war noch nie in Spitzenbergen. &#8211; Er schweigt, denkt nach. &#8211; Ich weiss nicht, ob ich mehr Angst habe vor den Eisb\u00e4ren, die dort frei herumlaufen sollen oder vor den Eisb\u00e4rj\u00e4gern, die zum Schutze der Spitzbergen-Reisenden unterwegs sind. <\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen sich nicht verteidigen. Aber ich mache Ihnen ein Angebot. Ich will nach Spitzenbergen reisen, ich erf\u00fclle meine W\u00fcnsche lieber selber, als mich davon entw\u00fcnschen zu lassen. Und Sie werden mich begleiten. \u00dcber den Preis des Buches zu unserer Reise werden wir uns noch unterhalten. <\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2],"tags":[18,20],"class_list":["post-161","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-geschichte","tag-geschichte","tag-wuensche-betrug"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/161","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=161"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/161\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}