{"id":106,"date":"2012-12-24T00:36:13","date_gmt":"2012-12-23T23:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=106"},"modified":"2012-12-24T00:36:13","modified_gmt":"2012-12-23T23:36:13","slug":"geschenke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2012\/12\/24\/geschenke\/","title":{"rendered":"Geschenke"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein tr\u00fcber Mittwochmorgen im November. Draussen k\u00e4mpft die Sonne gegen den Nebel. Die Redaktion arbeitet Punkt f\u00fcr Punkt der Traktandenliste ab. \u201eWeihnachtsausgabe\u201c, letzter Punkt vor den Varias.<\/p>\n<p>Rudi, Feuilleton-Chef und stellvertretender Chefredaktor, meldet sich. Wir machen es wie jedes Jahr: wir fragen den Preistr\u00e4ger oder die Preistr\u00e4gerin des st\u00e4dtischen Literaturpreises an. Die Preisverleihung ist zwar erst etwa zwei Wochen vor Weihnachten, dieses Jahr sind es exakt elf Tage, aber das hat noch immer geklappt.<\/p>\n<p>Juliana, seit kurzem verantwortlich f\u00fcr die Technik-Seiten, hat einen anderen Vorschlag. Ich habe da eine Geschichte, die das Leben schrieb, und das passt genau f\u00fcr die Weihnachtsausgabe \u2013 hat sehr viel mit Geschenken und sehr wenig mit Technik zu tun. Erz\u00e4hlen m\u00f6chte ich noch nichts dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Viele in der Runde krausen die Stirne oder sch\u00fctteln den Kopf: ausgerechnet eine Weihnachtsgeschichte in Techniksprache? Und dann erst noch \u201eKatze im Sack\u201c, was da wohl herauskommen wird? Es ist sicher nicht so, dass die Weihnachtsgeschichte \u00fcber den Umsatz entscheidet, aber eben, die Zeitung hat da schon eine gewisse Verpflichtung. Die Diskussionen wogen hin und her, schliesslich kommt von Fritz vom Anzeigenverkauf ein Vorschlag: Juliana wird zwei Wochen vor Weihnachten die fixfertige Geschichte vorlegen, sp\u00e4testens am Dienstagabend um 17 Uhr. Falls die Story nichts taugt, bleibt immer noch die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine Anfrage an die Preistr\u00e4gerin oder den Preistr\u00e4ger des Literaturpreises.<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>Auf die Sekunde genau am vereinbarten Termin trifft bei allen Mitgliedern der Redaktion eine E-Mail von Juliana ein. Es wird ruhig in den Redaktionsr\u00e4umen, hin und wieder ist ein am\u00fcsiertes Lachen zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Juliana berichtet aus dem Leben eines \u00e4lteren Mannes aus der Stadt. Selbst wenn der Namen anonymisiert worden w\u00e4re, w\u00fcrden ihn einige der LeserInnen bereits nach den ersten S\u00e4tzen erkennen. \u201eDer Professor\u201c ist stadtbekannt. Nein, Professor war er nicht, aber er galt als Erfinder, als T\u00fcftler. Bekannt geworden war er vor Jahren, als er mit sehr einfachen Mitteln ein technisches Problem der st\u00e4dtischen Stromversorgung behoben hatte, welches von diversen Experten aus dem In- und Ausland als unl\u00f6sbar bezeichnet worden war. Man hatte schon lange nichts mehr davon geh\u00f6rt, also war die Sache offenbar erledigt.<\/p>\n<p>Max N. hatte lange Jahre ein kleines Unternehmen gef\u00fchrt, vor allem mit der Hilfe seiner Familienangeh\u00f6rigen. Seit einigen Jahren lebte Max von einer kleinen Rente, seine Frau war bereits vor l\u00e4ngerer Zeit an einer schweren Krankheit gestorben. Max hatte einige Male Mitarbeiter angestellt, aber selten hatte es jemand bis zum Ende der Probezeit bei ihm ausgehalten. Wenn er gerade wieder am Pr\u00f6beln war, vergass er die Welt um sich und den Lauf der Zeit \u2013 der wirtschaftliche Erfolg blieb den Unternehmen dieses genialen Menschen versagt.<\/p>\n<p>Max hatte eine Vision. Er ging davon aus, nein, er wusste es: die Sonne liefert genug Energie f\u00fcr die Versorgung der gesamten Welt, auch mit noch viel mehr Menschen. Es ging nur darum, diesen Energie\u00fcberfluss klug zu nutzen. Wenn immer es die Zeit erlaubte, h\u00e4ufig auch, wenn eigentlich dringendere Dinge zu erledigen gewesen w\u00e4ren, stand Max in seiner Werkstatt und experimentierte mit komplizierten Einrichtungen. Wer sich Zeit nahm und es aushielt, seinen mehrheitlich unverst\u00e4ndlichen Ausf\u00fchrungen zuzuh\u00f6ren, erfuhr sehr lehrreiche Dinge. Max behauptete dann jeweils, ihm sei der Durchbruch gelungen, es gehe jetzt nur noch darum, jemanden zu finden, der sein Verfahren zur Serienreife bringe. Seit seiner Pensionierung war dieses Thema f\u00fcr ihn abgeschlossen, und seine Pr\u00f6beleien galten der schwierigen Frage, Schuhb\u00e4ndel zu entwickeln, die sich nicht von selbst \u00f6ffneten. Da gab es sicher weitere Projekte, aber er berichtete selten \u00fcber die Fortschritte seiner Arbeiten.<\/p>\n<p>Die Geschichte wechselte den Schauplatz, nach Kanada, in die Gegend der grossen Seen. Robert Ruger und Steff Johnson betrieben dort erfolgreich eine Produktionsanlage f\u00fcr Photovoltaik-Produkte. Im Sommer hatte eine Regionalzeitung aus dieser Gegend \u00fcber das Unternehmen berichtet. Es wurde mit den beiden Firmengr\u00fcndern ein l\u00e4ngeres Interview \u00fcber ihre Erfolgsgeschichte gef\u00fchrt. Robert erinnerte sich an einen Brief aus einer kleinen Stadt in der Schweiz. Der Briefschreiber hatte in einer Fachzeitschrift vom Produktionsbeginn in der kanadischen Fabrik gelesen und bot an, dass sie von seinen langj\u00e4hrigen T\u00fcfteleien profitieren k\u00f6nnten. Sie waren beide \u00fcber den Atlantik geflogen, hatten sich die Arbeiten von Max angeschaut, hatten einiges an Notizen gemacht. Sie waren \u00fcbereingekommen, dass sie ihm einige zehntausend Dollar f\u00fcr sein Know-how bezahlten. Auf jeden Fall hatten sie eine gute Erinnerung an die Schweiz, auch an das h\u00fcbsche St\u00e4dtchen am Ufer eines Flusses. Es zeigt sich, dass die Arbeiten von Max tats\u00e4chlich einen Durchbruch erm\u00f6glichten. Es waren nur noch einige Detailanpassungen n\u00f6tig, um schneller und mit weniger Material- und Energieaufwand g\u00fcnstigere Photovoltaik-Zellen fabrizieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Kontakt mit Max war leider abgebrochen. Wie Steff sich ausdr\u00fcckte, hatte ein Praktikant ein elektronisches Feuerwerk veranstaltet, was zur Folge hatte, dass das B\u00fcro- und Laborgeb\u00e4ude vollst\u00e4ndig abbrannte. Dabei waren s\u00e4mtliche Papierunterlagen mit verbrannt. Mit Max hatten sie nur per Post oder direkt korrespondiert, es gab auf den Mail-Servern somit keine Spuren dieses Kontakts. Im Interview hatten Steff und Robert zugesagt, den Kontakt zu ihrem T\u00fcftler wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p>Da Max sein Unternehmen unterdessen aufgegeben hatte, war die Suche schwierig. Steff machte aus zehnj\u00e4hriger Erinnerung eine Skizze des Ortes, an dem sie Max getroffen hatten. Didi, der Chef der europ\u00e4ischen Filiale ihres Unternehmens, fand sich zuerst in einer Sackgasse: an diesem Ort war eine Firma t\u00e4tig, die die B\u00fcros erst drei Monate vorher bezogen hatte, und niemand dort hatte eine Ahnung von der Vorgeschichte dieser R\u00e4umlichkeiten. Zudem hatte das Geb\u00e4ude erst vor wenigen Jahren die Eigent\u00fcmerschaft gewechselt \u2013 der fr\u00fchere Eigent\u00fcmer, der die Werkstatt an Max vermietet hatte, war nicht mehr aufzufinden. Entt\u00e4uscht, dass er die Anfrage seiner Gesch\u00e4ftskollegen in Kanada nicht erledigen konnte, spazierte Didi durch die Stadt, als er zuf\u00e4llig einen Freund aus Studienzeiten traf und ihm die Geschichte erz\u00e4hlte. Bereits nach wenigen S\u00e4tzen meinte dieser trocken: da kann nur der Professor, da kann nur Max gemeint sein!<\/p>\n<p>Steff und Robert konnten Max im November von der Bedeutung seiner Erfindung f\u00fcr den Erfolg der neuen Solarzellen \u00fcberzeugen, und sie brachten ihn auch dazu, eine Art Sonderdividende zu akzeptieren. Trotz einer reichlichen Altersvorsorge blieb noch gen\u00fcgend Geld \u00fcbrig, um damit ein kleines, feines Labor einzurichten \u2013 damit Max hin und wieder an der Verbesserung der Sonnenenergienutzung arbeiten k\u00f6nnte. Seine Forschungen an den nicht selbst \u00f6ffnenden Schuhb\u00e4ndeln gab Max sofort auf, sehr zum Leidwesen jener, die weiterhin mit offenen Schuhen durch den Tag ziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Juliana hatte Max Anfang Dezember interviewt, als gerade dessen j\u00fcngste Tochter Karina und Nia, das zehnj\u00e4hrigen Grosskind von Max, zu Besuch waren. Selbst als Technikredaktorin hatte Juliana kaum etwas verstanden von den Ausf\u00fchrungen zu den Solarzellen. Da es aber Nia nicht anders gegangen war, kam bald ein Gespr\u00e4ch \u00fcber ganz andere Dinge in Gang. Nia wollte von Max wissen, ob er sich mehr \u00fcber das Geld &#8211; als grosses Weihnachtsgeschenk &#8211; oder \u00fcber den Erfolg seiner Ideen freue. Max z\u00f6gerte keinen Moment, und wies auf die Solarzelle, die auf dem Balkon stand. Wenn ich einen Computer einschalte, wenn ich den Lichtschalter drehe, wenn ich mir einen Kaffee braue, wenn ich den Rahm aus dem K\u00fchlschrank nehme, immer hat es ein bisschen Strom dabei, der dank meiner Pr\u00f6beleien m\u00f6glich wurde. Dar\u00fcber freue ich mich, doch, und ich bin darauf auch stolz!<\/p>\n<p>Max schweigt, scheint in seinen Erinnerungen zu kramen. Nach einer Weile spricht er weiter.<\/p>\n<p>Diese Freude, dieser Stolz hat allerdings einen Preis. Erst als Deine Grossmutter, die Du leider nicht kennen gelernt hast, gestorben ist, habe ich herausgefunden, was sie alles daf\u00fcr getan hat, dass unsere Familie etwas zum Essen auf dem Tisch hatte und immer ein regendichtes Dach \u00fcber dem Kopf.<\/p>\n<p>Karina nickt dazu, seufzt und erg\u00e4nzt: Wir Kinder haben davon gewusst, und wir haben uns immer gewundert, wie abwesend Du gewesen bist, dass Dir das nicht aufgefallen ist. Mama hatte auch viele, viele gute Ideen. Und wenn sie Dir nicht hie und da zugeh\u00f6rt h\u00e4tte bei Deinen Schwierigkeiten, ich weiss nicht, ob es diese Solarzellen heute geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Max nickt zustimmend, schon wieder in Gedanken versunken.<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>Die Geschichte ist l\u00e4ngst gelesen in der Redaktion, doch es bleibt ruhig. Nur jene, die f\u00fcr die Schlussredaktion der morgigen Ausgabe verantwortlich sind, sitzen an ihren Arbeitspl\u00e4tzen. Die andern haben fr\u00fcher als \u00fcblich Feierabend gemacht.<\/p>\n<p>Wieder ein Mittwochmorgen. Draussen liegt Schnee, und ein blauer Himmel w\u00f6lbt sich \u00fcber der Stadt. Bald beginnt die Redaktionssitzung, nur Juliana fehlt. Auf dem Tisch vor ihrem \u00fcblichen Sitzplatz h\u00e4ufen sich kleine und gr\u00f6ssere Pakete.<\/p>\n<p>Als Juliana leicht versp\u00e4tet eintrifft, er\u00f6ffnet Rudi die Sitzung und wendet sich zuerst an Juliana. Herzlichen Dank und Gratulation f\u00fcr Deine Geschichte, das passt bestens. Und die Geschenke vor Dir sind so eine Art Entschuldigung, dass einige von uns, auch ich, Dir diese Geschichte nicht zugetraut haben. Ich frage mich eigentlich nur noch, welches Deine eigene Rolle bei dieser Geschichte ist. Aber ich vermute, dass dies bereits wieder eine andere Geschichte ist.<\/p>\n<p>Juliana nickt, mit einem strahlenden Lachen im Gesicht. <\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,3],"tags":[17,7],"class_list":["post-106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","category-weihnachtsgeschichte","tag-17","tag-weihnachtsgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}