{"id":103,"date":"2012-03-22T23:42:43","date_gmt":"2012-03-22T22:42:43","guid":{"rendered":"http:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/?p=103"},"modified":"2012-03-22T23:42:43","modified_gmt":"2012-03-22T22:42:43","slug":"klange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/2012\/03\/22\/klange\/","title":{"rendered":"Kl\u00e4nge"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Wer sich an diesem Morgen vom Radiowecker in den Tag zur\u00fcckholen l\u00e4sst, erf\u00e4hrt es jede Minute von neuem.<\/p>\n<p>Heute morgen liegt ein Klang \u00fcber der Stadt, ganz fein, machmal wie eine Melodie, dann wieder nur einzelne T\u00f6ne. Sie m\u00fcssen sehr gut horchen, der Klang ist ganz leise. Es ist unserer Reporterin am Hauptplatz nicht gelungen, den Klang mit dem Mikrofon einzufangen. Also: gehen Sie fr\u00fch genug aus dem Haus, damit Sie etwas von diesem Klang mit in den Tag hinein nehmen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Vor dem Bahnhof tragen die Kolporteure der Gratiszeitungen grosse Plakate mit sich. &#171;Psst!&#187; ist mit grossen Buchstaben festgehalten, &#171;heute mit Extrablatt&#187; steht auf der R\u00fcckseite. Auch das Extrablatt berichtet vom Sound in der Stadt. Pendlerin Anna A. &#8211; mit Bild &#8211; wird zitiert: &#171;Zuerst habe ich nichts geh\u00f6rt. Aber als ich einige Schritte von der Bahnhofstrasse in eine Seitengasse gemacht habe, waren die T\u00f6ne da. Ganz leise, ganz fein. Blockfl\u00f6tenmusik, das habe ich fr\u00fcher selber auch gespielt.&#187; Auch Ernesto C. berichtet von seinem H\u00f6rerlebnis: &#171;Zuerst war da noch eine Strassenbahn, das hat ziemlich gequitscht beim Bremsen. Aber dann: Jagdhornst\u00f6sse, von ganz weit weg, dann ein bisschen n\u00e4her, sp\u00e4ter wieder etwas weiter weg. Wie bei einer Jagd halt.&#187; Eine ganze Seite mit solchen Statements &#8211; die einen Bilder zeigen noch etwas verschlafene Gesichter, andere sind schon hellwach. Die Berichte zeigen das ganze Spektrum von Instrumenten und Kl\u00e4ngen. <\/p>\n<p>Eine der Telefongesellschaften hat eine SMS-Meldung versandt zu den Kl\u00e4ngen in der Stadt. Die Wartenden an der Haltestelle des City-Ringbusses zeigen sich gegenseitig die Bildschirme ihrer Mobile-Ger\u00e4te. Manche gehen etwas weg aus der Gruppe, formen mit der Hand eine H\u00f6rmuschel. Hin und wieder ein verz\u00fccktes L\u00e4cheln, ein geniesserisches Augenschliessen. Schon wieder hat jemand Morgent\u00f6ne geh\u00f6rt. &#171;Wow, das war zwar weit weg, aber super Hard Rock&#187;. Die Zugeh\u00f6rige Handbewegung oder das Stapfen mit dem Fuss zeigt den Beat an. Ein bisschen des L\u00e4chelns bleibt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im Park besammelt sich eine Gruppe von Rentnern, mit den Rucks\u00e4cken und den groben Schuhen sieht es nach einer Fr\u00fchlingswanderung in den Voralpen aus. Immer wieder sind H\u00e4nde zu sehen, die sich um die Ohren legen. &#171;Das sind doch   einfach die Stadtsymphoniker, die heute eine Morgenprobe abhalten&#187;, meint einer und zeigt mit der Hand in Richtung der Stadtmusikhalle. &#171;Dann haben die heute aber einen speziellen Sound drauf, f\u00fcr mich t\u00f6nt das nach singender S\u00e4ge.&#187;  &#171;F\u00fcr mich kommt das von der Kirche da hinten, das ist ORgelmusik, da ist glaube ich ein Fr\u00fchgottesdienst&#187;, erkl\u00e4rt \u00fcberzeugend ein weiterer der Wanderer.<\/p>\n<p>&#171;Mir scheint, heute sei ruhiger als an anderen Tagen&#187;, sagt ein Polizist zur Patrouillien-Kollegin, als sie mit kr\u00e4ftigen, zielgerichteten Schritten die Einkaufspassage queren. &#171;An den Kreuzungen beschleunigen die Autos deutlich ruhiger, und auch die Passantinnen und Passanten schreien nicht so herum wie an anderen Tagen.&#187; &#171;So s\u00fcss, ich h\u00f6re eine Spieldosenmelodie!&#187; Nach einer kurzen Pause zum H\u00f6ren: &#171;Und welche Musik h\u00f6rst Du?&#187; &#171;Ich? Ich h\u00f6re nichts, ich bin erk\u00e4ltet und habe seit Tagen Watte in den Ohren. Eigentlich schade. Ich w\u00fcrde so gern World Music h\u00f6ren auf der Patrouille.&#187;<\/p>\n<p>Alle Fenster des Schulhauses gerade neben dem Innenstadt-Parkhaus sind ge\u00f6ffnet, in jedem Fenster stehen drei oder mehr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, hin und wieder auch ein Lehrer oder eine Lehrerin. Selbst wenn man nichts von den Kl\u00e4ngen, die \u00fcber der Stadt liegen, w\u00fcsste, ist am Verhalten der Menschen in den Fenstern abzulesen, dass sie versuchen, einen fernen, schwierig zu h\u00f6renden Klang wahrzunehmen. Wie in gespenstisches Ballet sehen die Bewegungen aus, es sind kaum Worte oder Laute zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>In R\u00e4umen ist von den Kl\u00e4ngen nichts zu vernehmen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, scheinen doch draussen die T\u00f6ne von weit weg zu kommen. Den ganzen Tag hindurch sind \u00fcberall in der Stadt Menschen zu sehen, die den Kl\u00e4ngen in der Stadt nachhorchen.<\/p>\n<p>Im sp\u00e4teren Nachmittag folgt eine neue Schlagzeile: Die Stadtkl\u00e4nge waren ein Kunstprojekt der st\u00e4dtischen Musikschule. Die Kl\u00e4nge, die Musik, die die Menschen den ganzen Tag hindurch in der Stadt geh\u00f6rt haben, war reine Imagination, war Einbildung. Die Menschen haben das geh\u00f6rt, was sie h\u00f6ren wollten, weil sie meinten, etwas h\u00f6ren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In den Internetforen der digitalen Zeitungen waren die Meinungen geteilt &#8211; von Bl\u00f6dsinn bis zu genialer Aktion war fast jede Abstufung von Einsch\u00e4tzungen zu lesen. Die Stimmen der PassantInnen in den Gratiszeitungen am Abend sahen die Sache gelassener: sie habe noch nie an einem ganz normalen Wochentag so viele gut gelaunte Menschen, viele mit einem leichten Summen sogar, meinte etwa Natalie B.; ihre Begleiterin Zoe K. best\u00e4tigte dies und f\u00fcgte an, sie habe bei vielen ihrer Arbeitskolleginnen und -kollegen \u00fcber den geh\u00f6rten &#8211; und damit wahrscheinlich &#8211; bevorzugten Musikstil gestaunt. So viel Vielfalt, das habe sie nie erwartet. Mark K. wiederum meinte, wahrscheinlich werde er zuk\u00fcnftig viel bewusster Musik h\u00f6ren, vor allem werde er nicht mehr dauernd mit einem Knopf im Ohr herumlaufen. Es gebe so viele Ger\u00e4usche in der Stadt, von denen er bis jetzt nicht so viel mitbekommen habe.<\/p>\n<p>In der abendlichen Tagesschau wurde die Initiantin der Aktion, die Musik-Masterstudentin Silene Markwald, befragt.   Sie habe vor allem positive Stimmen geh\u00f6rt, insbesondere h\u00e4tten sich auch die politischen Verantwortlichen f\u00fcr die Musikschule sehr wohlwollend ge\u00e4ussert. Spannend sei, welche Menschen das Wort &#171;Imagination&#187; gebraucht h\u00e4tten und welche &#171;Einbildung&#187;. Der Erfolg der Aktion zeige, wie wichtig T\u00f6ne, Kl\u00e4nge, Musik im t\u00e4glichen Leben der Menschen seien. Leider k\u00f6nne eine solche Aktion nicht wiederholt werden, weil eine solche \u00dcberraschung nicht mehr m\u00f6glich sei.  &#171;Welche Musik haben Sie denn heute geh\u00f6rt, Frau Markwald?&#187;, wollte der Moderator zum Schluss wissen. &#171;Ich habe heute den ganzen Tag nur Handy-Klingelt\u00f6ne im Ohr gehabt &#8211; wenn ich selber h\u00e4tte h\u00f6ren k\u00f6nnen, h\u00e4tte ich die Kl\u00e4nge von Fr\u00fchlingsglocken geh\u00f6rt!&#187;  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[14,15,16],"class_list":["post-103","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","tag-imagination","tag-klange","tag-musik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/geschichten.umweltnetz.ch\/content\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}